{"id":227,"date":"2025-08-24T14:48:29","date_gmt":"2025-08-24T14:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/?page_id=227"},"modified":"2025-08-28T14:31:48","modified_gmt":"2025-08-28T14:31:48","slug":"miterlebte-geschichten-sonja","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/miterlebte-geschichten-uebersicht\/miterlebte-geschichten-sonja\/","title":{"rendered":"MITERLEBTE GESCHICHTEN"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sonja<\/strong><em> \u00bbPapa, wo bist Du?\u00ab<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Sonja war nicht \u201e<em>geplant<\/em>\u201c, aber von ihrer Mutter gew\u00fcnscht. Ihr Vater habe \u201e<em>sich eine gesucht, die schwanger wird, damit er nicht eingebuchtet wird\u201c.&nbsp;<\/em>Die Mutter f\u00fchlte sich vom Vater \u201e<em>verarscht\u201c&nbsp;<\/em>und abgewertet. Sonjas Eltern waren 3 Monate lang zusammen, d.h. ihr Vater kam ein Mal in der Woche abends bei der Mutter vorbei \u201e<em>das war ihm schon zu viel\u201c.&nbsp;<\/em>Er habe ihr kaum geholfen, auch nicht beim Umzug. \u201e<em>Einen Monat nach der Trennung wollte ich, dass wir miteinander reden. Da ist er f\u00fcr 15 Minuten gekommen und wollte dann wieder zu seinen Kumpels\u201c.<\/em><br>Sonja wurde 4 Wochen vor dem errechneten Termin sehr schnell geboren. \u201e<em>Ich dachte immer, eigentlich darf sie noch nicht kommen\u201c.&nbsp;<\/em>&#8212;- &nbsp;&nbsp;<em>\u201eIch war hilflos, nerv\u00f6s und habe versucht, sie zu tragen\u201c.&nbsp;<\/em>Vier Tage und N\u00e4chte lang war Sonja im Brutkasten, unter einer W\u00e4rmelampe. Sie wurde mit der Flasche &#8211; mit der abgepumpten Milch ihrer Mutter ern\u00e4hrt. Sie war \u201e<em>noch sehr schwach<\/em>&nbsp;&#8212;&nbsp;&nbsp;<em>Ich wollte stillen \u2013 und etwa nach drei Wochen hat es auch geklappt\u201c.<\/em>W\u00e4hrend unserer dritten Sitzung konnte Sonja bereits ohne Still-h\u00fctchen trinken. Ihre Mutter gab den Vater in der Klinik nicht an. \u201c<em>Ich wollte mir Bedenkzeit geben und wollte nicht, dass er kommt\u201c.<\/em><br>Sonjas Mutter ist die \u00e4ltere von zwei Schwestern und sei selbst Fr\u00fchchen und vier Wochen im Brutkasten gewesen, ohne dass ihre Mutter sie besucht habe. Sie und ihre 3 \u00bd Jahre j\u00fcngere Schwester verloren beide Eltern bei einem Autounfall ohne Schuld der Eltern, als Sonjas Mutter 12 Jahre alt war. Der anwesende Onkel habe ihr gleich nach dem Unfall jedes Wort verboten und \u201e<em>mir eine geknallt. Ich versuch\u00b4 immer, hart zu sein. Wenn ich zuhause bin, k\u00f6nnt\u00b4 ich nur heulen. Ich denke, ich hab\u00b4 selber \u00b4nen Schaden. Ich bin nach dem Unfall den ganzen Tag gekr\u00fcmmt gelaufen, keiner hat mich untersucht. Ich musste am 2. Tag danach wieder in die Schule. Die ganze Schule wusste es schon. Die standen alle und haben auf mich gewartet. Das tat mir gut\u201c.<\/em><br>Mir schien im Gespr\u00e4ch mit Sonjas Mutter, dass beide Schwestern nach dem fr\u00fchen und pl\u00f6tzlichen Tod ihrer beiden Eltern noch keinerlei emotionalen Raum f\u00fcr ihre Trauer gehabt hatten. Sie kamen in den Haushalt der Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits und lebten dort zusammen mit besagtem, unverheirateten Onkel: \u201e<em>Geheult hab\u00b4 ich nie. Ich versuch\u00b4 immer, nicht dar\u00fcber nachzudenken. Mein Onkel wollte immer nicht, dass ich mich mit ihm unterhalte. Meine Oma hat mir verboten, zu der anderen und zu meinen beiden Halbschwestern dort Kontakt zu haben. Ich durfte 4 Jahre lang nachmittags und abends nicht \u00b4raus, es k\u00f6nnte mich ja jemand schnappen. Mein einziger Halt war die Frau eines anderen Onkels. Zu meiner kleinen Schwester versuchte ich, nett zu sein, hatte aber immer das Gef\u00fchl, sie wird wie eine Prinzessin behandelt, ich wie eine Schlampe\u201c.&nbsp;<\/em>Sonjas Mutter erz\u00e4hlt mir ihre traurige Geschichte \u00fcber weite Strecken hinweg, ohne dabei eine Gef\u00fchlsregung zu zeigen. Ihre roten Flecken aber zeigen die innere Erregung.<br>Mutter und Kind kamen etwa 6 Wochen nach Sonjas Geburt&nbsp; nach telefonischer Anmeldung durch die Kinder\u00e4rztin der Geburtsklinik zu mir, weil die Mutter \u201e<em>total angespannt wirkt, vermutlich Probleme mit sich selbst hat, wenig Empathie zu sp\u00fcren ist\u201c.<\/em>&nbsp;Das Kind sei ganz gesund, habe auch gut zugenommen.<br>Bei unserem ersten Treffen scheint die Mutter sehr besch\u00e4ftigt mit einer unklaren Beziehung zu einem Arbeitskollegen. Sie habe Gef\u00fchle f\u00fcr ihn, er nicht f\u00fcr sie. Sie war sichtlich froh, das ich mich \u2013 entgegen meiner Gewohnheit \u2013 ein Weilchen mit Sonja besch\u00e4ftigte und sie sich auf ihr Erz\u00e4hlen konzentrieren konnte. W\u00e4hrend die Mutter ihre Geschichte erz\u00e4hlt, wird Sonja mehrmals kurz unruhig, l\u00e4sst sich aber zun\u00e4chst durch ganz leichte Ber\u00fchrungen beruhigen und durch Worte, mit denen ich ihr versuche zu sagen, dass Schwangerschaft, Geburt und die erste gro\u00dfe Trennung von ihrer Mama nun&nbsp; vorbei seien &#8212; und dass es bestimmt f\u00fcr ein Kind schwer sei, wenn sich der Papa nicht k\u00fcmmert. Sp\u00e4ter kommt Sonja in dieser und in etwa sieben weiteren Sitzungen in sehr heftiges Weinen, bei dem sie sich meistens mit den F\u00fc\u00dfchen vom K\u00f6rper ihrer Mutter abst\u00f6\u00dft und an diesem robbt. Mein Sprechen mit ihr \u00fcber ihre Geschichte und \u00fcber ihren Vater tut ihr stets sichtlich gut. Von Mal zu Mal wird die Bereitschaft der Mutter gr\u00f6\u00dfer, ihrem Kind kontinuierlichen K\u00f6rperkontakt zu gew\u00e4hren. Ja, diese k\u00f6rperliche N\u00e4he &#8211; auch in den N\u00e4chten \u2013 schien ihr auch selbst zunehmend Freude zu machen. Und:&nbsp;<em>\u201eReden hilft immer\u201c,&nbsp;<\/em>ist einer ihrer S\u00e4tze nach unseren ersten Begegnungen. Und sie lernt schnell, sich nicht nur mit den problematischen Dingen ihres Lebens zu besch\u00e4ftigen, sondern das Positive hervorzuholen, sich aufzuschreiben, den Zettel in ihrer K\u00fcche anzuh\u00e4ngen und in Gegenwart des Kindes bewusst sowie beim Stillen ihre Gedanken in erfreuliche Richtungen zu lenken. Eine der ersten positiven Erinnerungen ist die an ihren Vater. (Sie tr\u00e4ume alle vier Wochen einmal von ihm).&nbsp; Sonja reagiert auch beim Stillen deutlich unruhig, wenn die Mutter von ihren Problemen spricht und jeweils entspannt, wenn sie aussetzt, an diese zu denken.<br>So ist es jeweils eine Gradwanderung, diese Konzentration auf&nbsp; Kraft gebende Gedanken und Bilder zu behalten und doch der immer wieder einflie\u00dfenden und so lange verdr\u00e4ngten Trauer Raum zu lassen (\u201e<em>Die Trauer ist im ganzen K\u00f6rper\u201c)<\/em>.<br>Und immer wieder einmal mache ich deutlich, dass das Kind sp\u00e4ter in irgendeiner Form Kontakt zu seinem Vater braucht, um gut zu gedeihen. Gleichzeitig d\u00fcrfen eine Praktikantin, welche bei unseren Sitzungen meistens dabei ist, und ich begl\u00fcckt erleben, dass Sonjas Mutter nach und nach immer aufmerksamer und z\u00e4rtlicher mit dem Kind umgeht., mehr Bindung zwischen beiden zu sp\u00fcren ist. Sie liest uns eine SMS an einen Freund vor, die lautet: \u201e<em>Seit zwei Monaten geht es mir besser, auch mit Sonja. Ich kann jetzt damit leben, dass zwischen uns \u201enur\u201c Freundschaft ist.\u201c&nbsp;<\/em>&nbsp;(Das war die Zeit, seit der wir&nbsp; etwa w\u00f6chentlich Kontakt hatten).<br>Auf eine leichte&nbsp; Schiefstellung des K\u00f6pfchens von Sonja reagiere ich in mehreren Sitzungen mit &#8211; Sonjas Befinden angepassten, leichten craniosakralen Ber\u00fchrungen. Aus einem sehr heftigen Weinen von ihr mit fest geschlossenen Augen in unserer 8.Sitzung hole ich sie durch Ablenken heraus, weil Sonja darin deutlich dissoziiert, d.h. von ihrem Wahrnehmenk\u00f6nnen und Empfinden abgespalten ist. In unserer 10.Sitzung sind die Schlafprobleme der Mutter und M\u00f6glichkeiten, sie zu beeinflussen Thema. Sie kann das inzwischen erlernte Reagieren auf das Kind erstaunlich schnell auf&nbsp; ihr Verh\u00e4ltnis zu sich selbst, den eigenen K\u00f6rper und die eigene Seele \u00fcbersetzen. In der 12. Sitzung sagt sie: \u201e<em>Jetzt habe ich gar keine Zeit f\u00fcr einen Partner, sonst w\u00fcrde Sonja zu kurz kommen\u201c.&nbsp;<\/em>&nbsp;Mit der Praktikantin zusammen \u00fcbt sie im Rollenspiel erfolgreich, nachts nicht mehr bei jeder kleinen Unruhe von Sonja die Brust anzubieten, vielmehr auch einmal dem Kind das eigene Bed\u00fcrfnis nach Ruhe zu signalisieren.<br>Heftige Geburtsbewegungen des Kindes, die wir begleiten, zeigen sich auch noch in den Sitzungen 13-18. Danach bekommt Sonja eine schwere Magen-Darm-Erkrankung, bei welcher die Mutter mit Hilfe des Kinderarztes sie geduldig und liebevoll pflegt. Danach wirkt Sonja auf mich wesentlich ruhiger als bis dahin<em><br>\u201eGlauben Sie, dass es b\u00f6se Menschen gibt?\u201c &gt;&nbsp;<\/em>Nein. &gt; \u201e<em>na, wegen ihrem Vater\u201c.<\/em><br>Sonjas Mutter spricht auch \u00fcber ihren Kontakt zu ihrer j\u00fcngeren Schwester, versucht, mit ihr ins Gespr\u00e4ch zu kommen und auch auf deren Gef\u00fchle einzugehen. Nach der 20.Sitzung, sieben Monate nach unserer ersten Begegnung notiert sie auf einem kleinen R\u00fcckmeldungszettel unserer Einrichtung u.a. \u201e&#8230;<em>sie hat mir gezeigt, viele Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Vor allem konnte ich vieles verarbeiten\u201c.<\/em><br>Sonja ist sehr weit in ihrer k\u00f6rperlichen Entwicklung. Mir erscheint es wie der Ausdruck einer sehr fr\u00fchen \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr die Mutter, was sich in ihrem ein wenig gekr\u00fcmmten R\u00fccken ausdr\u00fcckt. Die Mutter versucht, sie ohne Windeln zu halten, d.h. sie wird oft abgehalten. In ihrem neunten Monat stillt sie sich selbst dadurch ab, dass sie die Brust ihrer Mutter stark zerbei\u00dft. Das \u201eAbstillen\u201c ist f\u00fcr die Mutter sichtlich ein schwer anzunehmendes Geschehen, ein ungewollt fr\u00fcher Abschied von dieser k\u00f6rperlichen N\u00e4he zu ihrer Tochter &#8211; , aber offenbar auch ein Ausl\u00f6ser daf\u00fcr, wieder ein wenig mehr der Erf\u00fcllung anderer eigener Bed\u00fcrfnisse Aufmerksamkeit zu geben: Sie kann z. B. spontan auftretendes G\u00e4hnen in meiner Gegenwart zulassen, welches sie fr\u00fcher stets unterdr\u00fcckt habe. Wir haben Raum, die Kleine in der Erwachsenen wahrzunehmen und zu umsorgen. Sonja schl\u00e4ft nun nachts durch.<br>Inzwischen haben Mutter und Kind neben ihrer Beziehung zu einer jungen Familie mit 6 Kindern, in deren N\u00e4he sie umziehen, auch eine feste Freundschaft zu einer anderen, mir vertrauten Mutter gefunden.<br>Nach der 22. Sitzung empfinde ich den Zustand der beiden als so gefestigt, dass ich eine vorl\u00e4ufige Beendigung unserer Beziehung in dieser Zusammensetzung vorschlage.<br>Nach einem halben Jahr kommen beide erneut zwei Mal und ich darf h\u00f6ren, dass sich die Mutter beim Vater gemeldet hat und sich zwischen ihm, Sonja und der neuen Partnerin ein lockeres Besuchsverh\u00e4ltnis gebildet hat. Der Vater habe sich positiv ver\u00e4ndert&#8212;Vielleicht empfindet Sonja dabei: \u201e<em>Papa -, endlich bist auch Du f\u00fcr mich da!\u201c&nbsp;<br><\/em>Sonja und ihre Mutter kommen nach 2 Jahren erneut und nun endlich ist &#8211; bei einem rundum<em>&nbsp;<\/em>gesund wirkenden Kind, welches sich probelmlos in einer Kita eingew\u00f6hnt hat, &#8211; die Mutter dran, da\u00df ich mich ihr allein zuwende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich danke Sonja und ihrer Mutter herzlich daf\u00fcr, diesen Bericht hier ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen.<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/miterlebte-geschichten-uebersicht\/miterlebte-geschichten-sonja\/\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/miterlebte-geschichten-uebersicht\/\">zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonja \u00bbPapa, wo bist Du?\u00ab Sonja war nicht \u201egeplant\u201c, aber von ihrer Mutter gew\u00fcnscht. 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