{"id":250,"date":"2025-08-24T15:19:16","date_gmt":"2025-08-24T15:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/?page_id=250"},"modified":"2025-08-28T13:46:55","modified_gmt":"2025-08-28T13:46:55","slug":"ausgewaehlte-eigene-texte-fruehe-bindung-kulturentwicklung-und-identitaet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-fruehe-bindung-kulturentwicklung-und-identitaet\/","title":{"rendered":"AUSGEW\u00c4HLTE EIGENE TEXTE"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-transform:uppercase\">Fr\u00fche Bindung, Kulturentwicklung und Identit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p><br>(Ottm\u00fcller, U.\u00a0 \/ Kurth, W. \/ Rei\u00df, H.J. (Hg.): Psychohistorie und Globalisierung. Jahrbuch f\u00fcr Psychohistorische Forschung Band 9, Mattes Verlag Heidelberg, S. 163-177)<\/p>\n\n\n\n<p><br>In Folgendem m\u00f6chte ich versuchen, aus der Perspektive meiner derzeitigen therapeutischen Arbeit mit jungen Familien heraus zu beschreiben, welche Wirkungslinien ich sehe zwischen Weichen, die f\u00fcr die Menschheitsgeschichte bereits in vorschriftlicher Zeit gestellt wurden, und gegenw\u00e4rtigen Praktiken, junge Eltern im Aufbau ihrer Beziehung zu ihren Babies (nicht) zu unterst\u00fctzen.\u00a0<br>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich werde dabei in f\u00fcnf Schritten vorgehen, werde\u00a0<br>1. kurz die biologischen und sozialen Gegebenheiten unseres Menschseins benennen,<br>2. etwas schreiben \u00fcber die kulturell gepr\u00e4gte Missachtung von Bindung und Beziehung,<br>3. \u00fcber die weit zur\u00fcckliegenden Ursachen solcher Missachtung,<br>4. \u00fcber Auswirkungen von Bindung auf die Identit\u00e4tsbildung Jugendlicher und\u00a0<br>5. \u00fcber m\u00f6gliche anstehende Aufgaben.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.&nbsp;&nbsp;<\/strong><strong>Beziehung und Bindung \u2013&nbsp;<\/strong><strong>Grundlegungen unseres Menschseins<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die wichtigsten Gegebenheiten menschlichen Seins sehe ich darin, dass wir lebende Materie sind und damit ihren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten unterworfen: Schon Einzeller suchen, wenn es ihnen gut geht, Kontakt zu anderen. Beziehungssuche ist also offensichtlich eine Eigenschaft alles Lebendigen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wir alle entstanden aus der k\u00f6rperlichen Beziehung zwischen unseren Eltern und konnten danach unsere Inkarnation w\u00e4hrend der Schwangerschaft unserer Mutter nur in der k\u00f6rperlichen Beziehung zu ihr verwirklichen. Wir wurden durch diese Beziehung entscheidend gepr\u00e4gt.<br>Unsere Entwicklung war f\u00fcr viele Jahre von wohlwollenden Anderen abh\u00e4ngig.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Das alles bedeutet m. E.: wir sind unserem \u00bbWesen\u00ab nach durch und auf Beziehung hin geschaffen. Beide K\u00f6rper unserer Eltern geh\u00f6ren zu den zentralen Sch\u00f6pfungsgrundlegungen unserer Existenz.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es scheint mir notwendig, diese banal wirkende Nennung der Basis unseres biologischen und sozialen menschlichen Lebens so explizit zu formulieren. Denn wir leiden m. E. noch immer an den Gewohnheiten eines patriarchalen Paradigmas in unserer kulturellen Tradition, diese Basis zu verwischen, aus unserem Bewusstsein zu vertreiben, zu beeinflussen und zu ver\u00e4ndern \u2013 wohl oft ohne es zu merken. Wir sch\u00e4digen damit zugleich die Grundlage zuk\u00fcnftigen Menschseins, die Bindungen und Beziehungen unserer Kinder zu ihren M\u00fcttern und Eltern<strong>&nbsp;\u2013&nbsp;<\/strong>ebenfalls in der Regel unbewusst.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Erich Neumann, der prominenteste Sch\u00fcler von C.G. Jung, beschrieb in seinem 1956 erschienenen Werk \u00bbDie grosse Mutter\u00ab diese Verkehrung der Gegebenheiten folgenderma\u00dfen: \u00bb<em>Ausgehend vom ..<\/em>.&nbsp;<em>Bewusstsein, mit dem sich das M\u00e4nnliche identifiziert, kommt es zur Ableugnung des genetischen Prinzips, das gerade das Grundprinzip der matriarchalen Welt ist: Es kommt somit, mythologisch gesprochen, zum Muttermord und zur patriarchalen Umwertung, in welcher der mit dem Vater identifizierte Sohn sich zum Ursprung macht, aus dem das Weibliche, wie Eva aus der Rippe Adams, geistiger und widernat\u00fcrlicherweise zu entstehen habe<\/em>\u00ab<em>.<\/em>&nbsp;Und Michel Foucault schreibt:&nbsp;\u00bb<em>Die Machtverh\u00e4ltnise schreiben sich dem K\u00f6rper ein\u00ab.<\/em><br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mir scheint, in vielen sogenannten traditionellen Kulturen ist demgegen\u00fcber der Respekt vor den Beziehungs-Gegebenheiten und -Abh\u00e4ngigkeiten unseres Menschseins und vor dem Anteil der Frauen beim Erhalt des Lebens im gesellschaftlichen Bewusstsein st\u00e4rker pr\u00e4sent und wird von der Gemeinschaft entsprechend sorgf\u00e4ltiger gepflegt, als es bei uns im Abendland \u00fcblich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich gebrauche den Begriff \u00bbBindung\u00ab hier im Sinne des Psychoanalytikers und \u00bbVaters der Bindungsforschung\u00ab John Bowlby, der u.a. formulierte: \u00bb<em>Bindung ist ein gef\u00fchlsgetragenes Band, das eine Person zu einer anderen kn\u00fcpft und das beide \u00fcber Raum und Zeit miteinander verbindet.<\/em>\u00ab&nbsp; Das diese Qualit\u00e4t von Bindung Charakterisierende ist das Gef\u00fchl von Vertrauen auf die Bindungsperson im Leben eines (kleinen) Kindes. Damit unterscheidet sich diese Art der Bindung von all den vielen Formen aus Angst geborener Abh\u00e4ngigkeit, die zuweilen auch mit dem Begriff Bindung beschrieben wird. Es scheint, als trage die j\u00fcngere Hirnforschung \u00fcberw\u00e4ltigend dazu bei, die hinter Bowlbys Bindungsbegriff stehende Wirklichkeit als die uns konstituierende zu adeln: \u00bb<em>Ein Kind muss diese Verschaltungen jedoch erst entwickeln. Es kann sie in seinem Frontalhirn nur dann ausbilden, festigen und bahnen, wenn ihm auch die M\u00f6glichkeit geboten wird, diese komplexen Verschaltungen erfolgreich zur L\u00f6sung seiner Probleme und zur Bew\u00e4ltigung neuer Anforderungen zu nutzen. Dazu braucht jedes Kind \u2013 je kleiner es ist, umso mehr \u2013 Reizschutz (in Form sicherer emotionaler Beziehungen) und Orientierungshilfen (&#8230;). Findet ein solches Kind auch sp\u00e4ter niemanden, der ihm hilft, dieses Defizit zu \u00fcberwinden, wird es sich auch weiterhin nicht anders gegen \u00dcberlastung, Angst und Stress wehren k\u00f6nnen als durch sinnlose Hektik, sprunghafte Aufmerksamkeit und gelegentliche Wutausbr\u00fcche<\/em>\u00ab<em>,&nbsp;<\/em>schreiben z. B. Gerald H\u00fcther und Helmut Bonney. Joachim Bauer hat uns unsere Spiegelneuronen bewusst gemacht und damit unser Angewiesensein auf das Gegen\u00fcber anderer Menschen. Und Gerhard Roth definiert Emotionen \u2013&nbsp;<em>\u00bbdas limbische System als zentrales Bewertungssystem des Gehirns\u00ab.<\/em><br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; Der Leiter des Gehirn-K\u00f6rper-Zentrums am psychiatrischen Institut der Universit\u00e4t in Chicago, Steven W. Porges hat \u2013 das alles best\u00e4tigend \u2013 herausgefunden, dass wir nur im \u00bbSicherheits\u00ab-Zustand unseres Nervensystems vertrauensvolle Bindungen aufbauen und festigen k\u00f6nnen. In allen Zust\u00e4nden von Unsicherheitserleben, schalten wir bekanntlich auf&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Flucht oder Kampf<em>\u00ab<\/em>. Und wenn die Situation noch bedrohlicher erscheint, stellen wir zum Schutz die Weichen auf Erstarren, Abschalten, Ausblenden, Nichtf\u00fchlen, Nichtwahrnehmen \u2013 wie andere S\u00e4ugetiere auch. Unser Nervensystem entscheidet st\u00e4ndig entsprechend unserer aktuellen Umgebung und unseren gespeicherten individuellen Erfahrungen dar\u00fcber, wie es der jeweiligen Situation gegen\u00fcber angemessen zu reagieren hat. Sicherheit in einer Beziehung ist also die Voraussetzung daf\u00fcr, dass von Vertrauen getragene Bindung zwischen zwei Menschen wachsen kann. Es ist demzufolge sehr plausibel, dass z. B. ein Neugeborenes, welches gerade den sch\u00fctzenden K\u00f6rper seiner Mutter verlassen hat, oder gar durch Gewalteinwirkung von dort herausgeholt wurde, einen je entsprechend extrem hohen Bedarf an Sicherheit hat, den es bei Folgen von Schreck und Erstarrung jedoch zun\u00e4chst gar nicht sp\u00fcrt.&nbsp;<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Auf der Basis dieses Wissens begleite ich seit 10 Jahren \u2013 nach vielen systemischen und k\u00f6rperpsychotherapeutischen Fortbildungen \u2013 mit wachsender Freude junge Familien mit Babies, die besonders unruhig sind oder sehr viel weinen. Allein der in der Regel gebrauchte Ausdruck&nbsp;<em>\u00bb<\/em>schreien\u00ab f\u00fcr die stimmlichen \u00c4u\u00dferungen der Kinder benennt die in unseren Gesellschaften noch verbreitete Einstellung gegen\u00fcber dem kindlichen Erleben oder auch einfach die Unwissenheit \u00fcber die Sensibilit\u00e4t, Verletzlichkeit und Pr\u00e4gsamkeit unserer Kinder von der Empf\u00e4ngnis an. Angesichts der Ergebnisse der Zell- und Hirnforschung m\u00fcssen wir annehmen, dass Erfahrungen in ihnen bereits vom Beginn ihres Lebens an auf der K\u00f6rperebene gespeichert werden. Im Gedanken an die solcherweise eingepr\u00e4gten Traumata d\u00fcrfen wir uns zugleich damit tr\u00f6sten, dass solche Erinnerungsspeicher bei verst\u00e4ndnisvoller Begleitung gel\u00f6scht werden k\u00f6nnen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Was ich dabei in immer wieder neu ergreifenden Beziehungsgeschichten zwischen jungen Eltern und ihren Babies erleben darf, ist das schnell wachsende befreiende Verstehen der Geb\u00e4rden des Kindes, seiner Mimik, seiner Stimme, seines Wunsches, verstanden und geh\u00f6rt zu werden sowie seines Bed\u00fcrfnisses nach Sicherheit. Der Eltern Bestreben ist fast immer sehr gro\u00df, ihrem Kind zu helfen, wenn es oft herzzerrei\u00dfend oder klagend oder j\u00e4mmerlich oder w\u00fctend oder vorwurfsvoll oder v\u00f6llig \u00fcberfordert oder noch anders weint. Die gro\u00dfe Lernbereitschaft der Eltern wird in dieser auch f\u00fcr sie so pr\u00e4gsamen Lebensphase wunderbarerweise hormonell unterst\u00fctzt. Und so lernen sie meist erstaunlich schnell,<br>&#8211; ihr Kind in seinen Erinnerungen an diese seine Schwangerschaft und Geburt zu verstehen,<br>&#8211; seinen Kummer oder seine Wut \u00fcber Erlebtes im K\u00f6rperkontakt liebevoll zu begleiten,<br>&#8211; eigene (fast immer Beziehungs-) Probleme anzusehen und zu benennen,<br>&#8211; sich auf Kraftquellen zu besinnen und solche zu erschlie\u00dfen,<br>&#8211; selbst dabei Hilfe von Au\u00dfen zu suchen und anzunehmen,<br>&#8211; dem Kind glaubw\u00fcrdig zu sagen, dass es nicht verantwortlich ist f\u00fcr Sorgen und Probleme der Eltern,<br>&#8211; gegebenenfalls eigene Schuldgef\u00fchle in Trauer oder Wut zu verwandeln, \u2013 und vieles mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nicht alle Familien lassen sich auf einen solchen Weg ein. Aber wenn sie es tun und wenn die Familie sich dann von mir verabschiedet, manchmal schon nach einem einzigen Telefonat, manchmal nach einer, zwei, drei, zw\u00f6lf, f\u00fcnfzig \u2013 oder auch einhundertundf\u00fcnfzig Sitzungen, dann darf ich erleben, wie der Kontakt zwischen Mutter\/Vater und Kind liebe- und vertrauensvoller flie\u00dft als bei unserem Kennenlernen. Das Strahlen auf den Gesichtern miterleben zu d\u00fcrfen, die Freude, die Entspannung, die Sicherheit und das Genie\u00dfen-K\u00f6nnen der Begegnungen miteinander, das sichtbar gewachsene Band zwischen ihnen! Das sind die sch\u00f6nsten Momente meines beruflichen Lebens, die auch ich in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfe. Das verstehe ich unter<em>&nbsp;\u00bb<\/em>Bindungsf\u00f6rderung\u00ab. Einer meiner Lehrer in dieser Arbeit, der Psychologe und Wilhelm Reich-Sch\u00fcler Thomas Harms, bezeichnet seine Arbeit als&nbsp;<em>\u00bb<\/em>R\u00fcckkehr zur Bindung\u00ab. Und die K\u00f6rpertherapeutin Mechthild Deyringer hat uns ein wunderbar einfach, liebevoll, praxisnah und auch f\u00fcr die Entspannung der Eltern hilfreich geschriebenes und bebildertes Buch geschenkt, in welchem sie eine dem heutigen Stand der Forschung angemessene Form der Schmetterlingsbabymassage nach Wilhelm Reichs Tochter Eva Reich vermittelt:&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Bindung durch Ber\u00fchrung\u00ab. Ich nenne diese Art der Arbeit seit Kurzem \u00bbdie Kunst der Ber\u00fchrung\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>2.&nbsp; Kulturelle Missachtung von Bindung und Beziehung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Leider wird die Bindung zwischen Eltern und Kindern jedoch in unserer Kultur in der Regel nicht gef\u00f6rdert, ja, man k\u00f6nnte fast sagen, sie wird oft zerst\u00f6rt. Das geschieht etwa im Medizinbetrieb,<strong>&nbsp;<\/strong>auf den werdende Eltern bei uns weitgehend angewiesen sind, wenn sie w\u00e4hrend Schwangerschaft, Geburt und der Zeit danach ihr Kind verantwortlich begleiten wollen. Die pr\u00e4gendste Zeit f\u00fcr das Entstehen einer gesunden Bindung zwischen Eltern und Kind ist in unseren Gesellschaften oft \u00fcberschattet von Einfl\u00fcssen, in deren Folge sowohl das Kind als auch die Mutter vorrangig als medizinische Objekte wahrgenommen und behandelt werden. Es wird den Frauen oft nicht als PartnerInnen und Sch\u00f6pfungskraft begegnet. Die Folgen eigenen Tuns f\u00fcr die Entwicklung bzw. St\u00f6rung der emotionalen Beziehung zwischen Mutter und Kind werden oft nicht gesehen und bedacht.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Damit will ich die Wohltaten und Erfolge der Medizin etwa in der Geburtshilfe nicht schm\u00e4lern. Ohne sie w\u00fcrden wohl heute noch immer viele Kinder und M\u00fctter bei der Geburt sterben. Aber m. E. haben viele MedizinerInnen ihre einseitige Pr\u00e4gung durch die Naturwissenschaft noch nicht \u00fcberwunden, einer Methode, die Wirklichkeit in beobachtbare Ausschnitte aufzuspalten, um sie besser zu verstehen. Sie verlieren deshalb die bio-psycho-soziale Ganzheit der Frauen immer noch oft aus dem Blick. Viele \u00c4rztinnen und \u00c4rzte bei uns sehen und behandeln noch immer den K\u00f6rper isoliert von Seele und Geist eines Menschen.<br>Ich m\u00f6chte diese unsere heutige kulturelle Situation erneut in den Rahmen von Erich Neumanns Horizont stellen. Er urteilt z. B.,&nbsp;<em>\u00bb<\/em><em>dass die Gef\u00e4hrdung der heutigen Menschheit zu einem Teil gerade auf der einseitig patriarchalen Bewusstseinsentwicklung des m\u00e4nnlichen Geistes beruht, welcher nicht mehr durch die \u00b4matriarchale\u00b4 Welt der Psyche im Ausgleich gehalten wird&#8230;. Die abendl\u00e4ndische Menschheit muss notwendigerweise zu einer Synthese gelangen, in welcher die \u2013 in ihrer Isolierung ebenfalls einseitige \u2013 weibliche Welt fruchtbar miteinbezogen wird. Erst dann kann die psychische Entwicklung der Ganzheit des Einzelmenschen m\u00f6glich werden, die dringend n\u00f6tig ist, wenn der abendl\u00e4ndische Mensch psychisch den Gefahren gewachsen sein soll, die sein Dasein von innen und au\u00dfen bedrohen. Die Entwicklung jedes Einzelmenschen zu einer psychischen Ganzheit, in der sein Bewusstsein sch\u00f6pferisch mit den Inhalten des Unbewussten verbunden ist, ist das tiefenpsychologische Erziehungsideal der Zukunft. Erst diese Ganzwerdung des Einzelnen erm\u00f6glicht ein fruchtbares Lebendigsein der Gemeinschaft. Wenn in gewissem Sinne ein gesunder K\u00f6rper die Basis f\u00fcr einen gesunden Geist und eine gesunde Psyche ist, ist noch mehr ein gesunder Einzelner die Basis f\u00fcr eine gesunde Gemeinschaft.<\/em>\u00ab<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diese sch\u00f6pferische Verbindung von Bewusstem und Unbewusstem ist ohne&nbsp;<em>\u00bb<\/em><em>den m\u00e4nnlichen Geist<\/em>\u00ab<em>,&nbsp;<\/em>die&nbsp;<em>ratio<\/em>&nbsp;v\u00f6llig undenkbar. Um nur eines von unendlich vielen Beispielen unseres allt\u00e4glichen Lebens zu nennen, zu dessen Gestaltung wir die&nbsp;<em>ratio<\/em>&nbsp;dringend brauchen: Ich bekomme die&nbsp;<em>\u00bb<\/em>blinden Flecken\u00ab im Bild von mir selbst und in der Einsch\u00e4tzung meiner Situation nur durch den aufmerksamen Geist eines oder einer Anderen \u2013 , niemals allein in mein Bewusstsein. Erinnerungen an erfahrene Traumen k\u00f6nnen nur mit Hilfe unseres Verstandes \u2013 in der verst\u00e4ndnisvollen Begleitung durch einen anderen Menschen \u2013 in unser Bewusstsein integriert werden und k\u00f6nnen uns nur so dann nicht weiter qu\u00e4len.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Aber wir brauchen etwa in den Beziehungen zwischen medizinisch und psychologisch t\u00e4tigen Menschen und Schwangeren sowie Geb\u00e4renden dringend eine Haltung nicht nur des Analysierens (die auch). Wir brauchen dar\u00fcber hinaus eine Qualit\u00e4t der Beziehung, des Respekts vor der Intuition, Kompetenz und Kraft der Frauen, eine Haltung zur\u00fcckhaltender Bereitschaft, zur Verf\u00fcgung zu stehen und zuzufassen, wenn es Not tut, ansonsten&nbsp;<em>\u00bb<\/em>nur\u00ab den Kr\u00e4ften der Natur einen m\u00f6glichst wohlwollenden und sch\u00fctzenden Raum zu bereiten, wie es Charlotte Sch\u00f6nfeldt in ihrem Beitrag in diesem Band so sch\u00f6n beschrieben hat. Das w\u00e4re der Wirklichkeit angemessen. Und in zahlreichen Angeboten geschieht es zunehmend so: in vielen Geburtskliniken, Geburtsh\u00e4usern, durch Hebammen und Familienzentren, in welchen die Erkenntnisse von Frederic Leboyer, Michel Odent und vielen anderen umgesetzt werden. Aber es geschieht noch zu selten.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und es wirken dem entgegen \u2013 zunehmend? \u2013 die wachsenden technischen M\u00f6glichkeiten wie z. B. Ultraschall, CTG und Amnioskopie, durch welche werdende Eltern, besonders die M\u00fctter gen\u00f6tigt werden, bei auff\u00e4lligen Befunden \u00fcber Leben und Tod ihres wachsenden Kindes zu entscheiden. Ferner steht dem entgegen die hierarchische Struktur unseres Gesundheitswesens, das Autorit\u00e4tsgef\u00e4lle zwischen \u00c4rzten\/<em>\u00bb<\/em>Fachleuten\u00ab einerseits und den Patienten als den angeblich Inkompetenten, in Wirklichkeit aber den Experten f\u00fcr sich selbst und das Kind, andererseits. Bei den belastenden, ethisch gesehen Herkules-Aufgaben, vor denen junge Eltern in solchen Situationen heute oft stehen, werden sie viel zu wenig emotional unterst\u00fctzt und getragen. Eine Mutter berichtete mir z. B. davon, dass sie sich bei einem \u00e4rztlich ge\u00e4u\u00dferten Verdacht, ihr werdendes Kind k\u00f6nnte einen Morbus-Langdon-Down haben, mit der extrem schweren Frage auseinandersetzen musste, ob sie dieses Kind austrage oder nicht. Das dann \u2013 nach langem Sorgen \u2013 Geborene schrie mit einer Ausdauer und Heftigkeit, dass wir uns dies nur aus seinem vorgeburtlichen Erleben heraus erkl\u00e4ren konnten. Ich habe bei diesem Kind und bei manchen anderen miterlebt, wie die existentielle Qualit\u00e4t ihres Schreiens von solchen durchlebten Zust\u00e4nden zeugte. Die in den Zellen verankerte Verunsicherung des Kindes durch eine ambivalente Haltung seiner Eltern zur Schwangerschaft (die Schaltung seines Nervenssystems auf Kampf, Flucht oder Erstarrung) sitzt in ihm tief und wirkt oft bis in das Erwachsenenalter hinein. Der Qualit\u00e4t ihres Weinens nach der Geburt zufolge wird die Situation von ihnen erfahren als eine zwischen Tod und Leben, zwischen (Willkommen-)Sein und (Unwillkommen) Nichtsein.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alle Studien \u00fcber die Erlebnisf\u00e4higkeit der Ungeborenen best\u00e4tigen, dass sie sehr stark auf die seelischen Verarbeitungsweisen und Gef\u00fchle ihrer M\u00fctter und indirekt \u00fcber sie auch auf die des Vaters reagieren. \u00c4rger etwa oder ein Empfinden von Unverstandensein der Schwangeren kann besser vom Baby ferngehalten werden, wenn die Mutter sich im Gespr\u00e4ch mit anderen davon befreien kann. Dann kann das Baby die eigenen Empfindungen besser unterscheiden von denjenigen der Mutter und muss sich nicht in allem mit ihr identifizieren. Eine Schwangere tauschte sich z. B. regelm\u00e4\u00dfig mit mir aus \u00fcber ihre Besuche w\u00e4hrend dieser Zeit bei ihrem Gyn\u00e4kologen und wir sprachen mit dem Ungeborenen \u2013 in dem Sinne, dass all das Mamas und nicht seine Probleme sind&#8230;<br>Heute f\u00e4llt dieses vierte von sechs Kindern durch gro\u00dfe Souver\u00e4nit\u00e4t und sein heiteres Gem\u00fct auf.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Das seelische Ergehen des Kindes und seiner Eltern w\u00e4hrend einer Schwangerschaft wird zus\u00e4tzlich oft auch durch die perverse Tatsache belastet, dass die Diagnose&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Risikoschwangerschaft\u00ab und die deswegen den Eltern angebotenen Untersuchungen zum Teil unter Ausnutzung der medizinischen Unkenntnis und Abh\u00e4ngigkeit der Eltern angesetzt werden, um die<em>&nbsp;\u00e4rztlichen&nbsp;<\/em>\u00c4ngste vor den Folgen eigener Fehler zu bew\u00e4ltigen. Das Vertrauen der&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Fachleute\u00ab in die&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Natur\u00ab scheint vielerorts im Sog der genannten kulturellen Pr\u00e4gungen inzwischen so schwach geworden zu sein, dass sie immer weniger bereit sind, Risiken im Interesse der inneren Gewissheit und Sicherheit des Kindes und seiner Eltern hin und wieder auch allein zu tragen, wie es Marina Marcovic in ihrer Art der Versorgung von Fr\u00fchchen auf so wunderbare Weise tat. Sie hatte als verantwortliche Kinder\u00e4rztin den Mut, viele Fr\u00fchchen ihrer Station nicht zu intubieren und damit weiter zu traumatisieren. Sie vertraute vielmehr auf die Selbstregulationskr\u00e4fte der Winzlinge, ihren Stoffwechsel zu regulieren. Und fast alle erhohlten sich dann auch wirklich von allein auf dem nackten, gesch\u00fctzten K\u00f6rper ihrer M\u00fctter \u2013 also in der fortgesetzten k\u00f6rperlichen Beziehung.<em><br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em>Das \u00e4rztliche Ethos scheint oft so sehr durch das naturwissenschaftlich-reduktionistische Welt- und Menschenbild gepr\u00e4gt, dass auch die seelischen und hirnorganischen Sch\u00e4den durch \u00c4ngste bei Eltern und Kind nicht gesehen und bedacht werden, obwohl sie \u00fcbereinstimmend von den Hirnforschern dargelegt werden. Die Folgen f\u00fcr das fragile entstehende Vertrauen unserer Kinder sind gravierender als wir lange dachten.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Hinzu kommt die materielle Versuchung f\u00fcr jede Gyn\u00e4kologin, jeden Gyn\u00e4kologen. Denn jede apparative Untersuchung bringt ihnen auch dann zus\u00e4tzliches Geld, wenn sie eigentlich unn\u00f6tig ist bzw. wenn mit den Eltern nicht ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert worden ist, ob es denn bei&nbsp;<em>\u00bb<\/em>positivem\u00ab Befund \u00fcberhaupt Therapiem\u00f6glichkeiten gibt.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich k\u00f6nnte entsprechend sorglose, \u00e4ngstliche oder unachtsame Gewohnheiten&nbsp;<em>\u00bb<\/em>rund um die Geburt\u00ab noch immer in vielen Entbindungskliniken, von denen ich oft h\u00f6re, beschreiben, mitsamt den destruktiven Folgen f\u00fcr die entstehende Bindung zwischen Eltern und Kind. Immer noch also wird in Folge unserer kulturellen Gewohnheiten unter den Tisch gefegt, dass wir aus Beziehungen heraus entstehen \u2013 und dass gewiss deshalb in uns ein tiefes Bed\u00fcrfnis nach Bindung, Geborgenheit, Zugeh\u00f6rigkeit, Spiegelung, Verstanden- und Anerkanntwerden erst dann Ruhe zu geben scheint, wenn es erf\u00fcllt ist.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und so wird \u2013&nbsp;<em>horribile dictu<\/em>&nbsp;\u2013 weiterhin pausenlos in sehr vielen Babies die \u00dcberzeugung etabliert: Mein Bed\u00fcrfnis nach Kontakt und Gesehenwerden ist falsch. Und dann pr\u00e4gt das Bewusstsein, nicht richtig zu sein, Charaktere und Lebensziele, oft die unendliche Bem\u00fchung, doch noch \u2013 wenigstens von einem geliebten Menschen \u2013 anerkannt zu werden. Wenn auch das nicht gelingt, entstehen aus all dem Missverstanden \u2013 und Nichtgew\u00fcrdigtwerden Wut, Hass und Gewalt \u2013 schlie\u00dflich Depression, Selbstzerst\u00f6rung oder die Zerst\u00f6rung Anderer, wie wir wissen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Menschen mit entsprechender Geschichte ihres vorgeburtlichen Seins, zeigen auf vielf\u00e4ltige Weise in ihren allt\u00e4glichen Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen, die gleichsam durch eingegrabene Reaktionssmuster ihres Nervensystems gesteuert werden, bis lang in ihr Erwachsenenalter hinein, was sie in ihrer vorgeburtlichen Zeit, unter ihrer Geburt oder\/und in ihrer fr\u00fchen Kindheit erfahren hatten. Ich habe dies selbst in, dem pr\u00e4-perinatalen Erleben gewidmeten workshops erkennen und ein wenig \u00e4ndern lernen d\u00fcrfen, Schritt um Schritt meiner eigenen Lebensgeschichte auf die Spur kommend. Ich vermute, dass sehr viele Menschen entsprechend belastet leben (m\u00fcssen?).<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wir existieren noch immer weitgehend im Rahmen von einge\u00fcbten kulturellen Gewohnheiten, u.a. auch im Namen der&nbsp;<em>\u00bb<\/em>reinen Wissenschaft\u00ab, der \u00dcberm\u00e4chtigkeit&nbsp; menschlicher&nbsp;<em>\u00bb<\/em>Natur\u00ab zu entkommen, bzw. sie aus einer Position vermeintlicher \u00dcberlegenheit heraus zu beherrschen und zu manipulieren. Diese anma\u00dfende Haltung den Gegebenheiten gegen\u00fcber pr\u00e4gt noch weitgehend unsere abendl\u00e4ndischen gesellschaftlichen Strukturen, Einrichtungen, Denk- und Wahrnehmungsweisen:<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nicht K\u00f6rper&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;Geist \u2013 , nicht Bipolarit\u00e4t, die Beziehung zwischen Mann&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;Frau, das&nbsp;<em>sowohl als auch&nbsp;<\/em>pr\u00e4gte unsere Denkstrukturen, nicht das selbstwirksame Pulsieren alles Lebendigen wie im Herz- und im Liquorrhythmus aller S\u00e4ugetiere, im Wechsel von Ruhe und Bewegung, Passivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t, Schlafen und Wachsein, Ein- und Ausatmen, im Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, hei\u00df und kalt, Innen und Au\u00dfen, Nehmen und Geben, schwach und stark, jung und alt &#8230; Vielmehr sind es immer noch h\u00e4ufig starre und linear-hierarchische Symbole des&nbsp;<em>Entweder-Oder<\/em>, Wertungen von&nbsp;<em>\u00bb<\/em>besser\u00ab und&nbsp;<em>\u00bb<\/em>schlechter\u00ab,&nbsp;<em>\u00bb<\/em>gut\u00ab und&nbsp;<em>\u00bb<\/em>b\u00f6se\u00ab, die rivalisierende Sucht nach dem H\u00f6her, Besser, Schneller, Reicher, L\u00e4nger, die Konzentration des Nachdenkens \u00fcber das Menschsein auf das Individuum statt auf Beziehungen, als k\u00f6nnte eine menschliche Zelle ohne die anderen \u2013 , ein Organ ohne die anderen existieren und ein Einzelner das menschliche Leben weitergeben. Sicherlich nicht nur um der K\u00fcrze willen haben wir uns daran gew\u00f6hnt, z. B. zu sagen \u00bb<em>der<\/em>&nbsp;Mensch\u00ab statt: \u00bbMann&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;Frau\u00ab. Die Wortpaare: Oben-Unten, Stark-Schwach, Geist-K\u00f6rper, Geist-Materie etwa werden immer noch mit \u00bbbesser\u00ab \u2013 \u00bbschlechter\u00ab oder gar \u00bbgut\u00ab \u2013 \u00bbb\u00f6se\u00ab assoziiert, statt mit den zwei sich erg\u00e4nzenden Polen des Gr\u00f6\u00dferen. Die im dazugeh\u00f6rigen Bild so \u00fcberzeugende fern\u00f6stliche Symbolik von Ying und Yang ist der Komplementarit\u00e4t der Wirklichkeit n\u00e4her, steht aber wohl zu sehr allein f\u00fcr das sich gegenseitig Erg\u00e4nzende von M\u00e4nnlichem und Weiblichem. K\u00f6nnte sie \u00fcbertragen werden auf alle die anderen einander bedingenden, sich abl\u00f6senden und erg\u00e4nzenden Kr\u00e4fte des Seins?<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es scheint mir, als r\u00e4che sich \u00bbdie Natur\u00ab f\u00fcr den beschriebenen Frevel an ihr \u2013 etwa durch die von Menschen gemachten Bedrohungen durch Atomwaffen, Terrorismus, Hungersn\u00f6te, Banken- und Wirtschaftskrisen, Klimawandel und Gentechnologie. Wolfgang Giegerich hat in seinen B\u00fcchern \u00bb<em>Die Atombombe als seelische Wirklichkeit<\/em>\u00ab und&nbsp;<em>\u00bbDrachenkampf oder Initiation in das Atomzeitalter<\/em>\u00ab einen der globalen Aspekte dieser bedrohlichen Entwicklung f\u00fcr mich \u00fcberzeugend nachgezeichnet.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wir sind an einem Punkt der menschlichen Geschichte angekommen, an dem lange gegeneinander Ausgespieltes, etwa Denken und F\u00fchlen zusammenkommen m\u00fcssen, wenn wir zur L\u00f6sung der Probleme der Zukunft beitragen wollen. Denn die Gegebenheiten, die wir immer wieder neu vorfinden, erweisen sich trotz aller Versuche, sie zu ver\u00e4ndern, gegen\u00fcber unserem Wollen, Denken und Tun als die st\u00e4rkeren und gr\u00f6\u00dferen. \u00bbExtra nos\u00ab, formulierte Kant.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Emmanuel Levinas&nbsp; mit seiner Reflexion \u00fcber das menschliche Antlitz hat \u2013 neben anderen \u2013 viele einseitige philosophische Denktraditionen f\u00fcr mich hoffnungsgebend in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>3.&nbsp; Zu den Ursachen der Missachtung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte die Aufmerksamkeit der LeserInnen statt auf weitere Ph\u00e4nomene der gegenw\u00e4rtigen Situation ein wenig in die Vergangenheit lenken und im Sinne von Erich Neumann weitgehend nicht bewusste Nachwirkungen von schon fr\u00fch gefallenen Entscheidungen auf den gegenw\u00e4rtigen Alltag von jungen Eltern und ihren kleinen Kindern in unserer Kultur ins Blickfeld r\u00fccken \u2013 weil ich mir w\u00fcnsche, dass wir neben allem notwendigen sozialpsychologischen und sozialpolitischen Engagement zur Verbesserung der Voraussetzungen, in denen vertrauensvolle Bindungen in jungen Familien gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen, auch unsere Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten ver\u00e4ndern und komplexere Leitbilder suchen und etablieren.&nbsp; Als Beispiel daf\u00fcr denke ich an Ver\u00e4nderungen der Denkfigur, wie sie oben im zuerst genannten Zitat von Erich Neumann benannt wurde und wie sie z. B. auch hinter dem biblischen Sch\u00f6pfungsglauben steht. Immer noch wird im Abendland weitgehend im monotheistisch-patriarchalen Paradigma wahrgenommen, gedacht, erlebt und gehandelt: Elohim bzw. Jahwe-Elohim, die Gottesbezeichnungen in den beiden alttestamentlichen \u00dcberlieferungstraditionen in den beiden biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichten Gen. 1 und 2 (meistens \u00fcbersetzt als \u00bbGott\u00ab und \u00bbGott der Herr\u00ab) stehen f\u00fcr einen m\u00e4nnlichen Einzelnen, welcher die Menschen erschuf und alles, was ist.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Entgegen dieser Vorstellung von der Erschaffung von Welt und Menschen durch einen einzigen m\u00e4nnlichen Sch\u00f6pfergott r\u00fcckt bekanntlich eine \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00dfe Menge von fr\u00fchen Bildwerken vorschriftlicher Zeit der Menschheitsgeschichte von unterschiedlichsten Orten der Erde einseitig die weiblichen Sch\u00f6pferkr\u00e4fte in den Vordergrund.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Viele von diesen Bildern und Figuren erz\u00e4hlen auch von der gro\u00dfen Furcht vor verschlingenden, dem Tod verbundenen weiblichen Kr\u00e4ften. Das in vielen dieser Bildwerke sichtbare Entsetzen \u00fcber sie ist f\u00fcr mich eine \u00fcberzeugende Erkl\u00e4rung f\u00fcr den mit dem historischen Sieg des Patriarchats schlie\u00dflich erfolgreich gewesenen (und oft subtil weiter andauernden) Kampf gegen die nur den Frauen gegebenen k\u00f6rperlichen M\u00f6glichkeiten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<sup><br><\/sup>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der Sieg des Patriarchats \u2013 statt einer Entwicklung hin zur Achtung von Bipolarit\u00e4t \u2013 ging zu Lasten der Kinder und damit in seinen Folgeerscheinungen schicksalstr\u00e4chtig zu Lasten der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung der Menschen w\u00e4hrend einer langen Epoche der Geschichte.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Fast \u00fcberall auf der Erde hat sich diese Ver\u00e4nderung von einer m\u00f6glichen Zeit der Achtung vor den weiblichen Kr\u00e4ften hin zur Dominanz m\u00e4nnlichen Denkens, Wahrnehmens und Tuns \u00e4hnlich vollzogen und in der Mythologie der Kulturen abgebildet. Das Alte Testament erz\u00e4hlt z. B. von dem Sieg des Jahweskultes \u00fcber die Kulte der kanaan\u00e4ischen G\u00f6tter, vor allem die der Weibliches symbolisierenden Ascheren. Ein Mythos des Zweistromlandes berichtet von dem Sieg des Gottes Marduk \u00fcber die G\u00f6ttin Tiamat, die griechische Tradition von Zeus als dem nach zahlreichen K\u00e4mpfen u. a. mit Hera schlie\u00dflich alleinm\u00e4chtigen G\u00f6ttervater. Und diese einseitige Sicht- und Interpretationsweise der Wirklichkeit ist weiterhin im wissenschaftlichen Diskurs zu finden, wenn nicht herrschend: In einer Darstellung z. B. der altbabylonischen Theologie durch den Vorderasienwissenschaftler Stefan Maul wird die \u00bb<em>auf Marduk und&nbsp; Babylon foccussierte Theologie&#8230;..\u00ab&nbsp;<\/em>&nbsp;ein \u00bb<em>Angebot\u00ab&nbsp;<\/em>genannt, \u00bb<em>das einer faktischen Globalisierung Rechnung tr\u00e4gt<\/em>\u00ab.&nbsp;&nbsp;<br>Eric Hornung hat seine Darstellung der \u00c4gyptischen Gottesvorstellungen \u00bbDER EINE UND DIE VIELEN<em>\u00ab<\/em>&nbsp;genannt. Auch diese Fomulierung entspricht der monotheistisch-patriarchalen Wahrnehmung und Deutung der Wirklichkeit.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Bekanntlich wurde im Verlauf der abendl\u00e4ndischen Religionsgeschichte dieser einzige m\u00e4nnliche Gott mehr und mehr vergeistigt, als herrschender vorgestellt und als entgegengesetztes Prinzip zur als niedrig empfundenen, weiblich vorgestellten Materie gedacht (mater-Materie). Die Sch\u00f6pferkraft der K\u00f6rper wurde abgewertet und ihre W\u00fcrde aus dem Bewusstsein der Menschen vertrieben. Das patriarchale Paradigma zur Interpretation dessen was ist, pr\u00e4gte so auch das Erleben der Frauen und M\u00e4dchen, sie seien weniger wert, als die Jungen und M\u00e4nner. Das wirkt noch heute im schwachen Selbstbewusstsein vieler M\u00fctter nach, etwa in ihrem Gehorsam dem medizinischen Personal gegen\u00fcber und in ihrem oft gest\u00f6rten Verh\u00e4ltnis zu ihrem eigenen K\u00f6rper, ihren Instinkten, Bed\u00fcrfnissen und Gef\u00fchlen \u2013 auf Kosten ihrer Empfindungen zu den ihnen ausgelieferten Kindern: M\u00fctter z. B. wagen oft nicht, ihrer Intuition zu trauen und das Kind auf den Arm zu nehmen, wenn es weint. Sie f\u00fcrchten oft das strenge Gesicht der Mitmenschen oder ihrer eigenen M\u00fctter, das ihnen befiehlt, ihr Kind doch nicht zu \u00bbverw\u00f6hnen\u00ab. So herrschen \u2013 vergesellschaftlicht \u2013 Normen bindungsfeindlicher Paradigmen nach.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Reihe von \u00dcberlieferungen wird ein Weltzustand vor diesen K\u00e4mpfen der Geschlechter beschrieben, in dem M\u00e4nnliches und Weibliches ohne Dominanz des einen \u00fcber das andere noch eine Einheit waren. Am Beginn der Bibel hei\u00dft es z. B. \u00bb<em>der Geist Gottes schwebte \u00fcber den Wassern<\/em>\u00ab<em>.&nbsp;<\/em>Der altbabylonische Sch\u00f6pfungsmythos, das Enuma elisch, spricht davon, dass derm\u00e4nnliche Apsu, das s\u00fcsse Wasser, und die weibliche Tiamat, das salzige Wasser des Meeres noch ungeschieden waren \u2013 Symbol f\u00fcr die Zeugungskraft.<em>&nbsp;<\/em>E. Hornung urteilt: \u00bb<em>F\u00fcr den \u00c4gypter kommt die Welt aus dem Einen, weil das Nichtsein eins ist. Aber in seinem Werk differenziert der Sch\u00f6pfer nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst. Aus dem Einen geht die Dualit\u00e4t der&nbsp;<\/em>\u00bb<em>Zwei Dinge<\/em>\u00ab<em>, geht die Differenzierung der&nbsp;<\/em>\u00bb<em>Millionen<\/em>\u00ab<em>&nbsp;Sch\u00f6pfungsgestalten hervor. Gott hat getrennt, Sch\u00f6pfung ist Scheidung, und nur der Mensch wirft alles wieder durcheinander. Das Getrennte ist aufeinander angewiesen, aber es bleibt getrennt, solange es seiend ist.<\/em>\u00ab<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mir scheint, als k\u00f6nnten wir in der Suche nach zukunftsf\u00e4higen \u2013 dem&nbsp;<em>Einen&nbsp;<\/em>und dem&nbsp;<em>Getrennten&nbsp;<\/em>gerechtwerdenden \u2013 Leitbildern hier ankn\u00fcpfen, ohne unser Differenziertsein als Mann oder Frau, unsere jeweilige Individualit\u00e4t und Andersartigkeit, zugleich als Teil des gro\u00dfen Einen aufzugeben. K\u00f6nnten wir vielleicht z. B. statt des Buchtitels von Hornung \u2013 unserer Getrenntheit Rechnung tragend, \u2013 wenn auch holperig, aber der menschlichen Sch\u00f6pfungsgegebenheit der zwei Geschlechter besser gerecht werdend \u2013 formulieren:&nbsp;<em>Die Beiden und die Vielen<\/em>? Viele Sch\u00f6pfungsgeschichten indigener V\u00f6lker erz\u00e4hlen ja von zwei zusammenwirkenden Kr\u00e4ften.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In solchen Metaphern k\u00f6nnten sich M\u00e4nner&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;Frauen wiederfinden und es m\u00fcssten sich nicht l\u00e4nger etwa die Frauen der Christenheit im Marienkult \u2013 und die M\u00e4nner im Christus-&nbsp; und Gottesglauben wiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>4.&nbsp; Bindung und Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine sichere, vertrauensvolle Bindung zu mindestens einer Bezugsperson ist die Grundlage f\u00fcr ein starkes Selbstbewusstsein, f\u00fcr Autonomie und Widerstandskraft gegen\u00fcber jeder Art von Rattenf\u00e4ngern, die von au\u00dfen wirken. Die Bed\u00fcrfnisse nach Zugeh\u00f6rigkeit und Anerkennung sind f\u00fcr einen sicher gebundenen Menschen gestaltbar und \u00fcberfluten ihn nicht, wie es bei unsicher gebundenen Menschen oft der Fall ist. Diese harren deshalb oft in ungewollten, gewaltt\u00e4tigen Beziehungen aus, k\u00f6nnen sich von solchen nicht trennen, weil das Alleingelassensein in der fr\u00fchen Kindheit so unertr\u00e4glich war, dass sie es auf keinen Fall wiedererleben wollen. Nur ein haltendes und tragendes inneres Band zu mindestens einem verl\u00e4sslichen und wohlwollenden anderen Menschen gibt dem Individuum die innere Sicherheit, die es braucht, um sein speziell menschliches \u00bbsoziales Nervensystem\u00ab zu entfalten. Und eine vertrauensvolle, sichere Bindung ist die Voraussetzung daf\u00fcr, sich in Freiheit auf andere Menschen einzulassen, Beziehungen wirklich zu gestalten und in schwierigen Situationen Hilfe annehmen zu k\u00f6nnen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diejenigen Menschen, die in ihrer Embryonalzeit, in ihrem fr\u00fchen S\u00e4uglingsalter und in ihrer Kindheit eine oder mehrere sichere Bindungen erleben konnten, sind in unserer kulturellen Situation die Privilegierten. Aber auch alle anderen, urspr\u00fcnglich \u00bbunsicher Gebundenen\u00ab k\u00f6nnen \u2013 lebenslang \u2013 an ihrer inneren Freiheit arbeiten, um Bindungen aufzubauen, die weitgehend frei von Abh\u00e4ngigkeit sind. Daf\u00fcr gibt es genug Beispiele. Nat\u00fcrlich ist das m\u00fchsamer, wenn wir schon \u00e4lter sind.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F\u00fcr die Zeit der Identit\u00e4tsfindung und Abl\u00f6sung von den prim\u00e4ren Bindungspersonen in der Pubert\u00e4t ist das bekanntlich von entscheidender Bedeutung. Denn in ihr wird das gesamte Gehirn umstrukturiert, es gleiche einer riesigen Baustelle, so lehren uns die Hirnforscher. Das macht die vielen Gef\u00e4hrdungen und Br\u00fcche in diesem Alter verst\u00e4ndlich: die extreme Wendung der jungen Menschen nach Innen, ihre Neigung zu Depressionen oder gar Suizidalit\u00e4t oder ihre extreme Wendung nach Au\u00dfen in waghalsige Unternehmungen, provozierendes, opponierendes Extremverhalten, Selbstdarstellung, \u00fcberstarkes soziales Engagement u.a. Nie wohl sonst im Leben ist die Suche nach der eigenen Identit\u00e4t in der schroffen Abgrenzung zur, ja oft radikalen Ablehnung der eigenen Herkunftsfamilie so stark wie in diesem Alter.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die gegenw\u00e4rtige gesellschaftliche Situation mit dem wackeligen Arbeitsmarkt, finanziellen Unsicherheiten, medialer globaler Vernetzung, \u00dcberflutung mit Werbung, Musik, Mode, Informationen erschwert gegen\u00fcber fr\u00fcheren Zeiten die Selbstfindung der jungen Leute zus\u00e4tzlich. In ihrem k\u00f6rperlichen Reifen werden sie unerbittlich und unaufhaltsam \u00fcbersch\u00fcttet mit dem Chaos, das aus ihrem Inneren kommt, den Ver\u00e4nderungen ihres K\u00f6rpers, ihrer Gef\u00fchle, ihres Wertesystems \u2013 und zugleich mit den sich \u00fcberst\u00fcrzenden gesellschaftlichen Ph\u00e4nomenen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u00bbSicher gebundene\u00ab Jugendliche haben in dieser wabernden Flut von Einfl\u00fcssen in ihrem emotionalen und K\u00f6rperged\u00e4chtnis wenigstens eine Erinnerung daran, dass es Verl\u00e4sslichkeit unter Menschen gibt. Die Verkn\u00fcpfung ihrer Nervenbahnen hat zumindest eine emotionale Erinnerungsspur hinterlassen aus der Zeit der fr\u00fchesten Pr\u00e4gungen in Bezug auf Beziehung und Bindung, die in dem neuen Chaos der Pubert\u00e4t nicht unterging: Die Erinnerung daran, dass es so etwas wie gute, Freiheit lassende Beziehung und Bindung unter Menschen&nbsp;<em>gibt.<\/em><br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und so k\u00f6nnen sie etwas leichter ausw\u00e4hlen in der F\u00fclle der Angebote, k\u00f6nnen sich selbst und anderen ein wenig leichter Grenzen setzen als diejenigen, die schon in ihrer fr\u00fchen Kindheit viel Ambivalenz, widerspr\u00fcchliches Verhalten der Erwachsenen, Abweisung, wenig Verl\u00e4sslichkeit und Missbrauch erfahren haben. \u00bbUnsicher gebundene\u00ab junge Menschen kennen oft keinerlei Sicherheit. Und deshalb erwarten sie solche auch nirgends. Ihre meist unbewusste Sehnsucht danach wandelt sich bekanntlich in verschiedene Formen der Destruktion.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>5.<\/strong><strong>&nbsp;&nbsp;<\/strong><strong>Aufgaben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursachen bindungszerst\u00f6render Lebenspraktiken haben sich in unserer Kultur so etabliert, dass wir sie in der Regel nicht wahrnehmen. Ich habe angedeutet, dass sie, geschichtlich gesehen, zur\u00fcckreichen bis in die Anf\u00e4nge schriftlicher Zeugnisse der Menschheit. K\u00f6nnen wir ihre negativen Wirkungen auf die gegenw\u00e4rtigen Gewohnheiten, mit Kindern zu sein, st\u00e4rker bewusst&nbsp; machen? K\u00f6nnen wir dem Leben gem\u00e4\u00dfere gesellschaftliche Strukturen und Umgangsformen in dem Ma\u00dfe etablieren, in dem es n\u00f6tig ist?<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es geht bei einem bindungsfreundlichen, \u00bbPsychokompetenz\u00ab und Identit\u00e4t f\u00f6rdernden Paradigmenwechsel in unserer Kultur um das Abschmelzen Jahrtausende alter Muster zuerst in uns selbst. Das kann in unsere Umgebung hineinwirken, wenn es gelingt. Es geht oft um ein Zulassen der Trauer \u00fcber die Abh\u00e4ngigkeit unserer prim\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeitsqualit\u00e4ten von der Unsicherheit der Bindung, in der wir in unseren fr\u00fchesten Jahren gelebt haben.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich w\u00fcnsche mir, dass aus solcher Anerkennung, Trauer und damit neu gewonnener Freiheit heraus Kraft erw\u00e4chst, sich einzusetzen daf\u00fcr, dass einst allen Eltern und allen p\u00e4dagogische Verantwortung Tragenden auch in medizinischen und psychologischen Berufen die moralische und materielle Unterst\u00fctzung zuteil wird, die sie brauchen, um sich mit ihrer eigenen fr\u00fchen Geschichte zu vers\u00f6hnen. Auf diese Weise k\u00f6nnen sie, k\u00f6nnen wir mit den Menschen, denen wir begegnen achtungsvoll und ausreichend sorgsam im Kontakt sein. Es geht auch um eine entsprechende Umsteuerung materieller gesellschaftlicher Ressourcen \u2013 wahrhaftig politische Mammutaufgaben! \u00bb<em>Das Schicksal einer Gesellschaft wird dadurch bestimmt, wie sie ihre Lehrer achtet<\/em>\u00ab<em>,&nbsp;<\/em>sagte Karl Jaspers. Und ich m\u00f6chte erg\u00e4nzen: \u00bb&#8230; wie sie diejenigen Menschen achtet, die das Leben weitergeben, sch\u00fctzen und begleiten\u00ab.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es geht m. E. zuallererst um das Sp\u00fcren und Zulassen unserer eigenen tiefen Beziehungsbed\u00fcrfnisse. Nur so k\u00f6nnen wir auch die der Anderen sp\u00fcren, Bindungen sch\u00fctzen und die daf\u00fcr n\u00f6tige politische Umverteilung der Ressourcen und entsprechende Symbole in der \u00d6ffentlichkeit beharrlich immer und immer wieder einfordern \u2013 inmitten der auf dieser Tagung so eindringlich beschriebenen globalen Gegenwinde.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Solche Not-wendenden Ver\u00e4nderungen lassen sich \u00fcberall, z. B. auch in dieser Psychohistorischen Gesellschaft vollbringen: vielleicht, indem zuk\u00fcnftig w\u00e4hrend der Tagungen mehr Zeit und Raum bleibt sowie Anleitung gegeben wird zum Austauschen in kleinen Gruppen dar\u00fcber, was das Geh\u00f6rte emotional in uns ausl\u00f6st?<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich denke dabei an meine manchmal zur Trauer werdende, manchmal aber auch offene Wut \u00fcber diese unsere so verlaufene abendl\u00e4ndische Geschichte und ihre Folgen, wenn ich bei solchen Tagungen lausche.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br><br>Literaturangaben<\/strong><br><strong><br>Bauer, Joachim<\/strong>&nbsp;(2002): Das Ged\u00e4chtnis des K\u00f6rpers. (Eichborn, Frankfurt\/M. 2002)<strong><br><br>Bauer, Joachim<\/strong>&nbsp;(2008): Warum ich f\u00fchle, was Du f\u00fchlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen (Heyne, M\u00fcnchen 2008).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bowlby, John<\/strong>&nbsp;( 1986a): Bindung;&nbsp; (Fischer, Frankfurt\/M. 1986, orig. 1969).<strong><br><br>Bowlby, John<\/strong>&nbsp;(1986b): Trennung,&nbsp; (Fischer, Frankfurt\/M. 1986, orig. 1973).<strong><br><br>Brisch, Karl-Heinz \/ Hellbr\u00fcgge, Theodor<\/strong>&nbsp;(Hg., 2007): Die Anf\u00e4nge der Eltern-Kind-Bindung&nbsp; (Klett-Cotta, Stuttgart 2007)<strong><br><br>Chamberlain, David<\/strong>&nbsp;(1990): Woran Babies sich erinnern. (K\u00f6sel, M\u00fcnchen)<strong><br><br>Chamberlain, Sigrid<\/strong>&nbsp;(1997): Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. \u00dcber zwei NS-Erziehungsb\u00fccher (Psychosozial-Verlag, Gie\u00dfen 1997).<strong><br><br>DeMeo, James<\/strong>&nbsp;(1997): Entstehung und Ausbreitung des Patriarchats. In: DeMeo, J. \/ Senf, B. (Hg.): Nach Reich (Zweitausendeins, Berlin\/Frankfurt\/M. 1997).<strong><br><br>Devereux. Georges<\/strong>&nbsp;(1988): Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. (Suhrkamp, Frankfurt\/M. 2. Aufl. 1988 orig. 1973).<strong><br><br>Giegerich, Wolfgang<\/strong>&nbsp;(1988): Die Atombombe als seelische Wirklichkeit. ( Schweizer Spiegel Verlag Z\u00fcrich 1988).<strong><br><br>Giegerich, Wolfgang<\/strong>&nbsp;(1989): Drachenkampf und Initiation ins Nuklearzeitalter. (Schweizer Spiegel Verlag, Z\u00fcrich 1989).<strong><br><br>Harms, Thomas<\/strong>&nbsp;(2000): Auf die Welt gekommen. (Leutner Verlag, Berlin 2000)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hornung, Eric<\/strong>&nbsp;(1973): Der Eine und die Vielen . (Wiss. Buchgesellschaft,&nbsp; Darmstadt 1973).<strong><br><br>H\u00fcther, Gerald<\/strong>&nbsp;(2002): Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen f\u00fcr die weitere Hirnentwicklung. In:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.agsp.de\/html\/a34.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.agsp.de\/html\/a34.html<\/a><strong><a href=\"http:\/\/www.agsp.de\/html\/a34.html\/Artikel\/Aufsatz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><br><\/a><br>H\u00fcther, Gerald \/ Bonney, Helmut<\/strong>&nbsp;(2004): Neues vom Zappelphilipp. ADHS: verstehen, vorbeugen und behandeln (Walter, D\u00fcsseldorf \/ Z\u00fcrich, 5. Aufl. 2004).<strong><br><br>K\u00f6hler, Claudia<\/strong>&nbsp;(2000): Pr\u00e4- und perinatale Traumata \u2013 Ursachen, Folgen, therapeutischer Ansatz. In:&nbsp; Harms (2000), S. 129-155.<strong><br><br>Langendorf, Uwe<\/strong>&nbsp;(2009): Spielverderber. Identit\u00e4tsst\u00f6rungen bei Verlierern der Globalisierung. In: Ottm\u00fcller, U. \/Kurth, W \/ Rei\u00df, H.J. (Hg.): Psychohistorie und Globalisierung. Jahrbuch f\u00fcr Psychohistorische Forschung 9 (Mattes Verlag, Heidelberg 2009), S. 83-92.<strong><br><br>Levinas, Emmanuel<\/strong>&nbsp;(1986): Ethik und Unendliches: Gespr\u00e4che mit Philippe Nemo. Im Deutschen hrsg. Von Peter Engelmann (Edition Passagen, Passagen-Verlag, Wien 1986).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lipton, Bruce H.<\/strong>&nbsp;(2007): Intelligente Zellen. (Koha Verlag Burgrain, 3. Aufl. 2007).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Macovich, Marina\/de Jong, Theresia<\/strong>&nbsp;(2001): Fr\u00fchgeborene \u2013 Zu klein zum Leben?&nbsp; Die Methode Marina Marcovich, (Fischer, Frankfurt\/M. 2001).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maul, Stefan<\/strong>&nbsp;(2008): Tor der G\u00f6tter, in: Antike Welt&nbsp; 4\/2008 (Philipp von Zabern, Mainz), S. 21-29.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neumann, Erich<\/strong>&nbsp;(1978): Die gro\u00dfe Mutter, (Walter,. Z\u00fcrich, 3. Aufl. 1978, orig. 1956).<br><strong><br>Neumann, Erich&nbsp;<\/strong>(1992): Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. (Fischer, Frankfurt\/M. 1992 orig. 1968).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Odent, Michel<\/strong>&nbsp;(2005): Es ist nicht egal, wie wir geboren werden \u2013 Risiko Kaiserschnitt. (Walter Verlag, D\u00fcsseldorf\/Z\u00fcrich 2005).<br><strong><br>Porges, Steven W.<\/strong>&nbsp;(2006): Trauma-Newsletter Nr. 3&nbsp; hrsg. vom Polarity-Zentrum Z\u00fcrich, Tel. 0041 &#8211; 442188080<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Presscott , James<\/strong>&nbsp;(1997): K\u00f6rperlust und die Urspr\u00fcnge der Gewalt, in: DeMeo, J. \/ Senf, B. (Hg.): Nach Reich, (Zweitausendeins ,&nbsp; Berlin \/ Frankfurt\/M. 1997).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Roth, Gerhard&nbsp;<\/strong>(1997): Das Gehirn und seine Wirklichkeit. (Suhrkamp, Frankfurt\/M. 1997).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sch\u00f6nfeldt, Charlotte<\/strong>&nbsp;(2009): Bindung und Beziehung statt Einsamkeit und Selbstentfremdung. In: Ottm\u00fcller, U. \/ Kurth, W. \/ Rei\u00df, H.J. (Hg.): Psychohistorie und Globalisierung. Jahrbuch f\u00fcr Psychohistorische Forschung 9&nbsp; (Mattes Verlag, Heidelberg 2009), S. 189-192.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siegel, Daniel\/Hartzell, Mary<\/strong>&nbsp;(2004): Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen. (Arbor-Verlag., Freiamt i. Schwarzwald 2004).<br><strong><br>Som\u00e9, Sobonfu<\/strong>&nbsp;(1999): Die Gabe des Gl\u00fccks. Westafrikanische Rituale f\u00fcr ein anderes Miteinander . (Orlanda Frauenverlag, Berlin 1999).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Som\u00e9, Sobonfu<\/strong>\u00a0(2000):\u00a0 In unserer Mitte. Kinder in der Gemeinschaft. (Orlanda Frauenverlag. Berlin 2000).<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-fruehe-bindung-kulturentwicklung-und-identitaet\/\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-uebersicht\/\">zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fche Bindung, Kulturentwicklung und Identit\u00e4t (Ottm\u00fcller, U.\u00a0 \/ Kurth, W. \/ Rei\u00df, H.J. (Hg.): Psychohistorie und Globalisierung. Jahrbuch f\u00fcr Psychohistorische Forschung Band 9, Mattes Verlag Heidelberg, S. 163-177) In Folgendem m\u00f6chte ich versuchen, aus der Perspektive meiner derzeitigen therapeutischen Arbeit mit jungen Familien heraus zu beschreiben, welche Wirkungslinien ich sehe zwischen Weichen, die f\u00fcr die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-250","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=250"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":513,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/250\/revisions\/513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}