{"id":267,"date":"2025-08-24T15:29:01","date_gmt":"2025-08-24T15:29:01","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/?page_id=267"},"modified":"2025-08-28T14:10:44","modified_gmt":"2025-08-28T14:10:44","slug":"ausgewaehlte-eigene-texte-erinnerung-an-auschwitz-im-august-2013","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-erinnerung-an-auschwitz-im-august-2013\/","title":{"rendered":"AUSGEW\u00c4HLTE EIGENE TEXTE"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-transform:uppercase\">Erinnerung an Auschwitz im August 2013<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>In einer Gruppe von 33 Menschen aus Deutschland, in der Mehrzahl der \u201eSchule des Schauens\u201c zugeh\u00f6rig, f\u00fchlte ich mich gut aufgehoben mit meinen Eindr\u00fccken, Gef\u00fchlen, Ber\u00fchrungen und Gedanken beim Erleben der St\u00e4tten des Grauens und der Fassungslosigkeit &#8212; w\u00e4hrend sechs gemeinsamer Tage (siehe u.a.<a href=\"http:\/\/www.harald-homberger.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a0www.harald-homberger.de<\/a>):\u00a0\u00a0<br>Wir konnten einander t\u00e4glich in dem gastlichen \u201eZentrum f\u00fcr Dialog und Gebet\u201c (etwa 10 Minuten Fu\u00dfweg entfernt vom\u00a0 Stammlager Auschwitz) in Zweiergespr\u00e4chen, in kleinen Gruppen oder in der Gesamtgruppe miteinander teilen, was uns bewegt hatte &#8211; .Behutsam wurden wir von Harald Homberger und weiteren sechs Mitgliedern der Arbeitsgruppe \u201eNationalsozialismus\u201c (der www.schule-des-schauens-de) ermutigt, an den besonderen Pl\u00e4tzen des Leidens, Sterbens und Mordens in Stille zu verweilen:\u00a0 \u201e<em>\u00d6ffnet euch f\u00fcr das Sp\u00fcren! Stellt euch an diese Pl\u00e4tze! Geht ganz langsam durch das Tor &#8211; &#8211; ! Lasst geschehen, was ihr sp\u00fcrt! Geht auch in die Haut der T\u00e4ter, nicht nur der Opfer. In Deutschland werden die T\u00e4ter nicht angenommen. Das ist schlimm, weil es sich dann wiederholen kann. Erst in der Stille \u2013 kann sich zeigen, was ist. \u201c\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren f\u00fcr jedes von uns unterschiedliche Orte der Stille &#8211; , etwa im Stammlager die noch begehbare Gaskammer mit ihrem Krematorium &#8211; &nbsp;(dort f\u00fchlte ich nach einiger Zeit des Sitzens dieses hoffnungslose Ausgeliefertsein, aber auch eine tiefe Verbundenheit mit den dort im Gas Ermordeten \u2013 ich wollte sie ber\u00fchren); &#8211; die \u201eTodeswand\u201c auf dem Platz neben dem &#8222;Todesblock&#8220;, wo so Viele erschossen wurden (Ich konnte in der Vorstellung, einer der M\u00f6rder dort zu sein, der Teilnehmerin, die vor der Wand stand, nicht in die Augen sehen); &#8211; &nbsp;&nbsp;die engen \u201eStehzellen\u201c mit zu wenig Luft und Licht, in denen sich die H\u00e4ftlinge nicht setzen konnten &#8211; ; &#8211;&nbsp; die Galgen, an denen die \u201eUngehorsamen\u201c vor den Augen ihrer zum Apell befohlenen Kameraden und vor den gut gekleideten Gattinnen der SS-Leute geh\u00e4ngt wurden; &#8211;&nbsp;<br>der schmuddelig \u00e4rztlich aussehende kleine Raum, in welchem so viele Kinder durch eine Phenolinjektion in ihr Herz get\u00f6tet wurden; &#8211;&nbsp;<br>das Tor mit seinem zynischen Motto \u201eArbeit macht frei\u201c; &#8211;&nbsp;&nbsp;<br>der Platz in dessen N\u00e4he, wo das Lagerorchester zum Ein- und Auszug der Kolonnen spielen musste; &#8211;&nbsp;<br>der Galgen, an welchem Rudolf H\u00f6ss hing.&nbsp;<br>Dort, einige Stufen h\u00f6her als das \u00fcbrige Gel\u00e4nde, hatte ich ein Gef\u00fchl von Macht.&nbsp;<br>Und dann, unter seinem Galgen kamen mir die Worte: Es ist in Ordnung so!.&nbsp;<br>Die etwa 3 km vom Stammlager nach Auschwitz-Birkenau gingen wir schweigend im Block \u2013 so, wie die H\u00e4ftlinge damals gegangen sind (und ich sp\u00fcrte die Ersch\u00f6pfung &#8211; , dann auch gro\u00dfe Wut auf den Kapo in Gestalt eines Teilnehmers neben uns. Ich hatte den Impuls, ihn zu treten.)<br>Dort dann \u2013 unter dem gro\u00dfen Himmel und inmitten des weiten Gel\u00e4ndes &#8211; waren Orte der Stille etwa die Fl\u00e4che mit Menschenasche neben den Ruinen der Gaskammern und des &#8222;Krematorium V&#8220; &nbsp;&#8212; , jetzt gn\u00e4dig mit Gras und wilden Bl\u00fcten bedeckt und von B\u00e4umen umgeben \u2013 (dort sa\u00dfen wir gemeinsam schweigend); &#8211;&nbsp; der Teich, ebenfalls gef\u00fcllt mit Menschenasche; &#8211; die Gaskammer mit dem Krematorium IV, welche H\u00e4ftlinge gesprengt hatten und in der sie dann liegend erschossen wurden; &#8211;&nbsp; die \u201eSauna\u201c mit den noch original beschrifteten R\u00e4umen der vielf\u00e4ltigen Dem\u00fctigungen und der vollst\u00e4ndigen Beraubung ihrer Menschenw\u00fcrde und Habe &#8211; ; &#8211; der &#8222;Kinderblock&#8220;, innen zugebaut mit den Buchten, in denen die Kinder gelebt haben&#8212; ohne irgendeinen Platz, sich bewegen oder gar spielen zu k\u00f6nnen &#8212; &nbsp;(hier hatte ich die Vorstellung, der ganze jetzt leere Bau ist voller Kinder-Schreien -); &#8211;&nbsp; die Rampe der Selektion &#8212;- zwischen den beiden&nbsp; Eisenbahngleisen inmitten des Lagergel\u00e4ndes.&nbsp;<br>Auf dieser Rampe, neben einem der Original-Waggons haben wir uns von Harald Homberger in zwei Bl\u00f6cken so hinstellen lassen, wie die Menschen damals gestanden haben m\u00f6gen &#8211; vor den sortierenden SS-leuten und vor Mengele, seitlich die Kapos, ebenso vertreten durch Teilnehmer aus der Gruppe. (Hier sp\u00fcrte ich deutlich das zerrissen Werden der Familien &#8211; .) Eine Teilnehmerin, die als Kapo stand, sp\u00fcrte \u201eAngst, ganz viel Angst\u201c, ein anderer, ebenfalls als Kapo: \u201eIch habe ganz selbstverst\u00e4ndlich zuschlagen wollen\u201c, eine Weitere als Opfer: \u201eIch habe mich ganz zuversichtlich, gl\u00e4ubig gef\u00fchlt: es wird alles gut gehen!\u201c<br>Wir haben an den ersten beiden Tagen vormittags jeweils eine 4-st\u00fcndige F\u00fchrung durch die beiden Lager erlebt, ich in der Teilgruppe, gef\u00fchrt von&nbsp; einer sehr sensiblen polnischen ehemaligen Lehrerin als&nbsp; \u201eGuide\u201c. Sie beschrieb die schrecklichen Fakten\/Zahlen und Geschehnisse an den verschiedenen Orten sehr feinf\u00fchlig, ohne jeden Vorwurf uns Deutschen gegen\u00fcber. Und sie half uns auch immer wieder zu Momenten der Stille, etwa an dem Grasfeld neben der Gaskammer V in Birkenau. Dort sagte sie: &#8222;Ich habe immer Angst, hier auf die Erde zu treten&#8212;&#8222;.Das war so respektvoll, so w\u00fcrdigend &#8212; .&nbsp;&nbsp; Ich bin ihr daf\u00fcr sehr dankbar.<br>Eine Teilnehmerin sagte \u00fcber sich an diesem Ort: \u201eHier habe ich so etwas wie Frieden gesp\u00fcrt, wie ein zur Ruhe- und Ankommen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Stammlager sind verschiedene Baracken als Dokumentationen von den Nationen gestaltet, deren meist j\u00fcdische Menschen dort gelitten&nbsp; haben und ermordet wurden &#8211; aus der Slowakei, Tschechien,&nbsp; Jugoslawien, \u00d6sterreich, Frankreich, den Sinti und Roma, aus Holland und Belgien, Polen, Russland, Ungarn.&nbsp;<br>Das Innere einer Baracke, der Shoah gewidmet, wurde von j\u00fcdischen Menschen gestaltet. Dort erlebten wir im ersten Raum gro\u00dfformatig gezeigte Videos j\u00fcdischer Lebensfreude, eine hilfreiche Orientierung \u2013&nbsp; neben all den Eindr\u00fccken des Grauens, und danach in vielen hintereinander aufgeh\u00e4ngten Bildschirmen mit vollem Lautsprecher die Reden von Hitler und G\u00f6bbels \u2013 (Scham befiel mich in Anwesenheit vielen Gruppen j\u00fcdischer Jugendlicher). &#8211; In einem Raum in Augenh\u00f6he an die Wand \u00fcbertragene Originale von Kinderzeichnungen aus Auschwitz, sehr bewegend &#8211; .<br>Im Abschlussraum eine Kopie des Namenbuches von 4 Millionen Opfern, deren Geschichte in Jad wa Schem festgehalten ist. (Ich fand 12 Schicksale mit meinem Geburtsnamen &#8222;Hinz&#8220;, Menschen aus Berlin und Sangerhausen &#8212;, alle mir bisher unbekannt.)&nbsp;<br>Und wir hatten ein gemeinsames Schweigen in einem Versammlungsraum dort, in welchem an der Wand steht: \u201e<strong><em>Es ist passiert, deshalb kann es wieder passieren. Das ist das Herz dessen, was wir zusagen haben<\/em>\u201c Primo Levi.<\/strong><br>In Primo Levis Buch: \u201eIst das ein Mensch\u201c, welches er unmittelbar nach seinem Leben in Auschwitz schrieb, dortselbst zu lesen, machte mir die vielen Einzelheiten dieser Leidens noch f\u00fchlbarer!&nbsp;&nbsp;<br>Fast f\u00fcr alle in unserer Gruppe waren die vielen Gruppen israelischer Jugendlicher, zum gro\u00dfen Teil mit blau-wei\u00dfen T-shirts, bedruckt mit \u201eJude\u201c oder auch mit gro\u00dfen israelischen Fahnen umgeh\u00e4ngt \u2013 eine Art Demo auf der Stra\u00dfe nach Birkenau &#8212; eine enorme Herausforderung. Einige von uns versuchten beim aneinander Vorbeigehen in den engen Baracken oder beim Stehen nebeneinander in freundlichen Blickkontakt mit ihnen zu kommen. Aber das gelang kaum. Und dann begl\u00fcckte der Leiter einer der israelischen Gruppen mit seinem Interesse einer kleinen Gruppe von uns: \u201e<em>Woher kommt Ihr? &#8211; &#8212; Das Leben ver\u00e4ndert sich und wir machen die Ver\u00e4nderung\u201c<\/em>. Das aus einem j\u00fcdischen Mund zu h\u00f6ren, war f\u00fcr uns eines der gr\u00f6\u00dften Geschenke in diesen Tagen. &nbsp;&nbsp;<br>Verschiedene S\u00e4tze aus unseren Gespr\u00e4chen \u00fcber unsere Identifikation mit den Opfern und den T\u00e4tern: \u201e<em>&nbsp;\u00dcber das, was unangenehm zu sp\u00fcren ist, spricht man nicht. Die T\u00e4ter sind nicht im Blick. \u2013 Ich k\u00f6nnte jeden Stein in Auschwitz in den Arm nehmen, f\u00fchle eine Liebe zu allem, was an diesem Ort ist\u201c<\/em>. \u2013 \u201e<em>In mir fing die Opferseite an zu hinken und die T\u00e4terseite in mir wurde breit und beh\u00e4big\u201c<\/em>. \u2013 \u201e<em>Verdammte Schei\u00dfe, ich mach\u00b4 hier auch nur meinen Job, Deiner ist zu sterben, meiner, Dich umzubringen\u201c. \u2013 \u201eIch habe mich in der T\u00e4ter- und in der Opferrolle gelangweilt\u201c. \u2013 \u201eAls T\u00e4ter musste ich schie\u00dfen. Das war wie eine Erl\u00f6sung, \u00e4hnlich als Opfer, endlich erl\u00f6st zu werden. Beide waren in so einer Verbundenheit der Erl\u00f6sung. Als noch lebendes Opfer hatte ich auch Wut \u2013 Die Seele ist schon lange weg\u201c. \u2013 \u201eWegen Euch bin ich hier und muss t\u00f6ten!\u201c \u2013 \u201eIch bin nicht mehr ich als Mensch\u201c. \u2013 \u201eIn der Kapo-position erlauben sie Dir nicht, dass Du sp\u00fcrst, was Du tust\u201c. \u2013&nbsp; \u201eEs gibt nicht&nbsp; e i n&nbsp; T\u00e4ter- und&nbsp; e i n&nbsp; Opfergef\u00fchl\u201c<\/em>. \u201e&#8212;&nbsp;<em>dass ich die Opfer bisher nur als Opfer gesehen habe, nicht als Menschen! Jetzt sehe ich sie als Menschen. Ich habe mich an der Reihe der Gedenkplatten in Birkenau in den Sprachen der Ermordeten vor die mit der deutschen Schrift gestellt und innerlich klar gesagt: ich bin Deutscher!\u201c&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom 3. Tag an haben wir abends \u00dcbungen zu Dritt &#8222;gemacht&#8220;: Die erste \u00dcbung: Eine Person vertrat einen T\u00e4ter in meinem famili\u00e4ren Umfeld, eine Person ein Opfer, ich selbst war ich. Dann wurde gewechselt, sodass jedes von uns sich nacheinander in alle drei Personen hineinf\u00fchlen konnte. Ich benannte unseren Onkel Otto, Vaters einzigen Bruder als T\u00e4ter. Die Teilnehmerin, welche f\u00fcr Otto stand, fing bald an zu zittern, die Arme zu schlenkern, immer schneller \u201e<em>wie marschierend und wie eine Marionette\u201c<\/em>, sehr heftige Bewegungen, wehrte meinen Versuch, ihren R\u00fccken zu ber\u00fchren ab und befand sich lange in dieser getriebenen Bewegung, bis sie in die Knie ging \u2013 jetzt meine Hand auf ihrem R\u00fccken ertragen konnte und langsam zur Ruhe kam. Die Teilnehmerin, die f\u00fcr das Opfer stand, senkte zun\u00e4chst den Kopf, schaute abwechselnd uns beide an und ging dann zu Boden, zusammengekniet den Kopf auf dem Boden. Ich hatte mich lange als Vermittlerin zwischen den beiden gef\u00fchlt, rutschte, als sich die Vertreterin f\u00fcr Otto beruhigt hatte, zu der Vertreterin des Opfers und legte meine Hand dann auf ihren R\u00fccken: \u201e<em>Das tat gut<\/em>\u201c. Die Vertreterin von Otto sagte in unserem auswertenden Gespr\u00e4ch: \u201e<em>Es braucht noch viel mehr<\/em>&nbsp;&#8211; !\u201c<br>Die Teilnehmerin, welche in meiner Dreiergruppe meinte, keinen T\u00e4ter in ihrer Gro\u00dffamilie zu haben und deshalb \u201eirgendeinen T\u00e4ter\u201c aufstellte, sagte bei der Auswertung beeindruckt: \u201e<em>Das hat dennoch viel mit uns zu tun!\u201c .<br><br><\/em>Die zweite \u00dcbung zu dritt: Ich vertrete einen T\u00e4ter in meiner Familie. Eine andere Person vertritt dessen T\u00e4teranteil und die dritte Person dessen Opferanteil.&nbsp;<br>In dieser \u00dcbung wollte ich der Frage nachgehen, welchen T\u00e4teranteil unser Vater Paulus hat, dem ich seit einiger Zeit&nbsp; in meinem Inneren vorgeworfen habe, dass die bekennende Kirche nichts oder kaum etwa gegen die Massenmorde an den Juden getan hat: Die Person, die den Opferanteil unseres Vaters vertrat, n\u00e4herte sich mir l\u00e4chelnd und hakte mich unter. Die Person, die seinen T\u00e4teranteil vertrat, entfernte sich immer weiter: \u201e<em>ich f\u00fchlte mich nicht zugeh\u00f6rig zu Dir, wollte ganz weit weg.\u201c<\/em>&nbsp;Opferanteil: \u201e<em>Ich f\u00fchlte mich nicht als Opfer, eher stark, fast ein wenig \u00fcberheblich \u2013 wie verdreht\u201c<\/em>. Weil wir drei in der Auswertung damit etwas hilflos waren, baten wir Harald zum Gespr\u00e4ch dar\u00fcber. Der: \u201e<em>Vielleicht hat er es so bearbeitet, dass die Seele&#8212;\u201e.<\/em>&nbsp;Ich muss mein inneres Verh\u00e4ltnis zu unserem Vater revidieren!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Teilnehmerin unserer Dreiergruppe stellte ihren polnischen Vater auf, der als Widerstandsk\u00e4mpfer auch im KZ war, sein Leben lang unter Angst vor der Polizei litt, nach 1945 wenig \u00fcber sein Schicksal habe sprechen k\u00f6nnen, unter der mangelnden Anerkennung sehr gelitten habe und nach einer TBC praktisch einen Erstickungstod gestorben sei. Als T\u00e4teranteil dieses Mannes hatte ich schnell das Gef\u00fchl, mich weit von den beiden entfernen und zur\u00fcckziehen zu m\u00fcssen. Die Vertreterin f\u00fcr den Opferanteil, eine zarte, zur\u00fcckhaltende Frau, kam bald zun\u00e4chst in starkes St\u00f6hnen, dann in sehr sehr heftiges Schreien und Schlagen auf einen Tisch: \u201e<em>Ich h\u00e4tte alles zerschlagen k\u00f6nnen<\/em>\u201c, sagte sie in der Auswertung zu dritt. Die Tochter dieses Mannes als er selbst konnte zitternd und schluchzend nicht auf den Opferanteil sehen. Als sie sich ihm dann ann\u00e4hern wollte, wehrte jener sie mit dem Fu\u00df ab&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dritte \u00dcbung zu dritt: Ich und meine eigenen T\u00e4ter- und Opferanteile: Mein T\u00e4teranteil plusterte sich zun\u00e4chst vor meinem Opferanteil auf: \u201e<em>Ich hab\u00b4 hier das Sagen!\u201c<\/em>&nbsp; Ich hatte zun\u00e4chst das Gef\u00fchl, die beiden M\u00e4nner sollen das ruhig unter sich ausfechten und trat ein wenig zur\u00fcck. Dann aber: ich will nicht, dass sie sich bek\u00e4mpfen, und ging n\u00e4her an die beiden heran. Da wich der Vertreter f\u00fcr meinen T\u00e4teranteil zur\u00fcck und er berichtete in der Auswertung: \u201e<em>Da ging das \u00dcberhebliche weg<\/em>\u201c. Immer wieder suchten wir drei Personen dann einen gleichm\u00e4\u00dfigen Abstand zwischen uns Dreien&#8212; .&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am letzten vollen Tag durften diejenigen aufstellen, die zu diesem Zeitpunkt ein besonderes Anliegen hatten: Diejenige Teilnehmerin mit dem polnischen Widerstandsvater, dessen Schicksal ich oben schon unter der zweiten \u00dcbung beschrieb, bat um eine Aufstellung. Harald bat sie, ihren Vater, Polen als seine Heimat, das Lager und eine Person f\u00fcr \u201edas, was nicht anerkennen will\u201c aufzustellen. F\u00fcr dies Letztere w\u00e4hlte sie einen Mann, der bald abgewandt, breitbeinig bis zum Schluss am Rande des Raumes stand, sich lange die Finger in seine Ohren steckte, um nicht zu h\u00f6ren, was hinter ihm vor sich ging. Die Stellvertreterin f\u00fcr das Lager lag schnell am Boden und versuchte vergeblich, den Stellvertreter f\u00fcr das, was nicht anerkennen will \u2013 zu einem Blick f\u00fcr sie zu bewegen, blieb dann einfach liegen. Der Stellvertreter f\u00fcr den Vater, zun\u00e4chst sich kr\u00fcmmend und st\u00f6hnend, und diejenige f\u00fcr Polen hatten sich bald eng umschlungen und weinten miteinander \u2013 die Aufstellerin selbst dann mit ihnen &#8211; . Harald bat eine weitere Teilnehmerin, sich neben die Vertreterin f\u00fcr das Lager zu legen und diese Vertreterin anzusehen. Dann bat er den Vertreter f\u00fcr den Vater vor das, was nicht anerkennen will, zu treten und ihm zusagen: \u201e<em>das Lager lasse ich jetzt dir<\/em>\u201c. Dieser Vertreter f\u00fcr den Vater richtete sich auf, wurde selbstbewusster, stellte sich halb vor den Vertreter dessen, das nicht anerkennen will, schaute den an&#8212; und bekam kein Wort heraus. Er ging dann zur\u00fcck zu den Vertreterinnen f\u00fcr Polen und die Tochter zum gemeinsamen Weinen &#8211; &#8211; .&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte mich auch gemeldet, wollte gern mein schweres Herz gegen\u00fcber unserem \u00e4ltesten Bruder Christoph besser verstehen, der 1944 16-j\u00e4hrig als Flack-helfer eingezogen worden war, soviel ich wei\u00df, nie \u00fcber seine Erlebnisse vor Berlin in den letzten Wochen vor der Kapitulation gesprochen hat, ev. Theologe wurde, an einem Lungenemphysem gestorben ist und zwei Kinder hat, welche heute unter MS leiden. Harald bat mich, unseren Vater, seinen Vater und seinen Bruder Otto, Christoph und mich aufzustellen. Ich stellte sie generationenweise hintereinander und mich in einem gewissen Abstand ihnen gegen\u00fcber. F\u00fcr das Verstehen des Folgenden ist wichtig, dass alle Bewegungen in ganz langsamem Tempo geschahen und immer wieder lange Pausen dazwischen entstanden&#8211;: Der Stellvertreter f\u00fcr Christoph wankte etwas, hob den rechten Arm wie zum Hitlergru\u00df und wendete den Blick zu Boden. Das ist f\u00fcr erfahrene Aufsteller immer ein Zeichen daf\u00fcr, dass ein Mensch auf einen Toten schaut. Harald bat eine weitere Teilnehmerin, sich als Opfer neben mich und vor den Vertreter f\u00fcr Christoph zu legen. Sie fasste mein Bein und rutschte mit ihren F\u00fc\u00dfen zu den Beinen des Stellvertreters f\u00fcr Christoph, ihn sto\u00dfend, an seinen Beinen mit ihren F\u00fc\u00dfen hochrangelnd, dann aufstehend und versuchend, ihm den Arm herunterzurei\u00dfen, (sp\u00e4ter: \u201e<em>Ich hatte eine m\u00f6rderische Energie, h\u00e4tte ihn umbringen k\u00f6nnen<\/em>\u201c), sie griff nach seinem Hals. Da stellte ich mich hinter den Stellvertreter f\u00fcr Christoph und versuchte, diese seine Umklammerung abzuwehren. Harald: \u201e<em>Der Krieg ist vorbei!\u201c<\/em>&nbsp; Daraufhin lie\u00df die Stellvertreterin f\u00fcr ein Opfer den, der f\u00fcr Christoph stand, los. Der lie\u00df seinen rechten Arm sinken, ich strich ihm &#8211; hinter ihn getreten &#8211;&nbsp; die Arme entlang. Dann sch\u00fcttelte er mich ab und ich zog sich weiter nach hinten zur\u00fcck. Die Stellvertreterin f\u00fcr ein Opfer wendete sich ab. Der Stellvertreter f\u00fcr Christoph ging in die Knie und weinte \u2013 lange \u2013 bitterlich. Harald sagte ihm, er solle der Stellvertreterin f\u00fcr die Opfer sagen: \u201e<em>Danke, dass du Dich zur\u00fcckziehst! Du hast mir das ganze Leben \u00fcber auf meiner Brust gelegen. Und du bist unschuldig \u2013 und ich auch. Ich war ja ein Kind<\/em>\u201c und zu mir \u201e<em>Es ist gut, dass Du auf uns beide schaust\u201c.<\/em>&nbsp;Der Stellvertreter f\u00fcr Christoph konnte es nur nach und nach \u2013 z\u00f6gerlich &#8211; sagen. Inzwischen lag der Vertreter f\u00fcr unseren Onkel Otto schon l\u00e4nger auf dem Boden. Ich \u2013 inzwischen auch auf dem Boden sitzend, rutschte zu ihm und wollte ihm meine Hand auf seinen R\u00fccken legen. Das wehrte er vehement ab (sp\u00e4ter: \u201e<em>aus Scham\u201c).<\/em>&nbsp;Harald forderte mich dann auf, mich neben die Stellvertreter f\u00fcr unseren Vater zu stellen. Und er forderte diesen Stellvertreter und den f\u00fcr dessen Vater auf, zu dem Vertreter unseres Onkels Otto zu sagen \u201e<em>Du geh\u00f6rst zu uns<\/em>!\u201c Und ich sollte sagen \u201e<em>Und wir lassen Dir jetzt Frieden<\/em>\u201c (der Stellvertreter f\u00fcr unseren Onkel Otto sp\u00e4ter: \u201e<em>Das beides zu h\u00f6ren, war gut, dazuzugeh\u00f6ren \u2013 und gehen zu d\u00fcrfen\u201c<\/em>).Die Tr\u00e4nen bei dem ganzen Geschehen konnte ich nicht z\u00e4hlen.<br>Harald erz\u00e4hlte zum Ausgeschlossensein der T\u00e4ter in unserer deutschen Gesellschaft ein ber\u00fchrende Scene aus einem Aufstellungsseminar in einer Kirche, bei welcher der Vertreter f\u00fcr den &#8222;T\u00e4ter&#8220; v\u00f6llig isoliert abseits gewesen sei und der Prozess stagniert habe: Da sei ein gro\u00dfer Hund, der in dieser Kirche mit dabei war, aufgestanden, sei langsam zu diesem Menschen gegangen und habe sich um seine F\u00fc\u00dfe herumgelegt. Daraufhin h\u00e4tten die Tr\u00e4nen und die gesamte Bewegung flie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Aufstellung handelte von einem Nachfahren des Doktorvaters von Mengele. Er wurde aufgefordert, sich selbst, diesen Doktorvater und Mengele aufzustellen: Der Stellvertreter f\u00fcr diesen Teilnehmer irrte zun\u00e4chst ruhelos umher und stellte sich dann weggedreht am Ende des Raumes hin. Harald bat vier weitere TeilnehmerInnen, sich f\u00fcr Mengeles Opfer auf den Boden zu legen und f\u00fchrte den Stellvertreter f\u00fcr diesen Teilnehmer so an die Liegenden heran, dass er sie ansehen musste. Die Liegenden kr\u00fcmmten sich. Harald drehte die Vertreterin f\u00fcr Mengele (eine Frau), die solange auch abgewandt stand, so, dass sie die \u201eOpfer\u201c ansehen musste. Sie stolzierte zwischen den Liegenden herum, von ihnen an ihren Beinen gezupft und gesto\u00dfen &#8212;.&nbsp;<br>Nach solchem l\u00e4ngeren Geschehen f\u00fchrte Harald die Stellvertreterin f\u00fcr Mengele weg von den Opfern. Sie ging allein an den \u00e4u\u00dfersten Rand des Raumes, brach dann zusammen und schrie und schrie und schrie&#8212; riesig laut und eindringlich &#8211; unvergesslich, w\u00e4hrend sich ihr K\u00f6rper \u2013 auf dem Bauch liegend kr\u00fcmmte (Harald sp\u00e4ter: \u201e<em>das ist der Schrei all\u00b4der Kinder, die er benutzt hat.<\/em>\u201c). W\u00e4hrend dessen standen die Stellvertreter f\u00fcr den Teilnehmer und Mengeles Doktorvater \u2013 f\u00fcr mein Wahrnehmung wie unger\u00fchrt. Harald bat den Stellvertreter f\u00fcr den Teilnehmer zu dem Doktorvater von Mengele zusagen: \u201e<em>Das ist die Wahrheit, ich werde es nicht vergessen \u2013 f\u00fcr meine Kinder<\/em>\u201c. Der Stellvertreter sagte es.<br>Harald sp\u00e4ter: \u201e<em>Die Erfahrungen mit Aufstellungen zeigen, dass die T\u00e4ter und die Opfer so aufeinander bezogen sind, dass sie sich schwer voneinander trennen k\u00f6nnen. Deshalb ist es in solchen Aufstellungen n\u00f6tig, behutsam einzugreifen<\/em>&#8212;\u201e)&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Einf\u00fchrung in die Schlussmeditation Harald: \u201e<em>Nimm in Dein sogenanntes spirituelles Herz, was Dich hier an diesem Ort ber\u00fchrt hat. Nicht Dein pers\u00f6nliches, emotionales Herz, das k\u00f6nnte es nicht tragen&#8212; f\u00fchle mit, was Dich ber\u00fchrt hat, und lasse es ein in diesen gr\u00f6\u00dferen Ort in dir, der dem Gr\u00f6\u00dferen entspricht, wo es sich wandeln kann \u2013 in Liebe<\/em>\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ruth Priese am 7.9.2013<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-erinnerung-an-auschwitz-im-august-2013\/\">zum Seitenanfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><a href=\"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/ausgewaehlte-eigene-texte-uebersicht\/\">zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung an Auschwitz im August 2013 In einer Gruppe von 33 Menschen aus Deutschland, in der Mehrzahl der \u201eSchule des Schauens\u201c zugeh\u00f6rig, f\u00fchlte ich mich gut aufgehoben mit meinen Eindr\u00fccken, Gef\u00fchlen, Ber\u00fchrungen und Gedanken beim Erleben der St\u00e4tten des Grauens und der Fassungslosigkeit &#8212; w\u00e4hrend sechs gemeinsamer Tage (siehe u.a.\u00a0www.harald-homberger.de):\u00a0\u00a0Wir konnten einander t\u00e4glich in dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-267","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=267"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":528,"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/267\/revisions\/528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neu.ruthpriese.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}